Vienna Pride mit gesellschaftspolitischen Forderungen

Auch heuer wird die Regenbogenparade um zusätzliche Elemente erweitert werden. Das Pride Village und die Pride Show wird es nicht nur deshalb geben, weil das Echo letztes Jahr enorm und positiv war. Sondern, weil Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen nach wie vor existiert, auch wenn sich die Situation im internationalen Vergleich in den letzten Jahren deutlich verbessert hat“, erklärte CSD-Vienna-Obfrau Ewa Dziedzic am Mittwoch anlässlich der Pressekonferenz zu Vienna Pride, der vom 12. bis 16. Juni 2012 in der Bundeshauptstadt über die Bühne gehen wird. Die Veranstaltung steht unter dem Motto „Born This Way“ und soll zum öffentlichen Bekenntnis einladen und auch heterosexuelle Menschen gleichermaßen ansprechen und einschließen.

Wien zeigt vor, dass in einer weltoffenen Stadt kein Platz für Diskriminierung ist. Dazu trägt auch Vienna Pride bei, der vielen Lesben, Schwulen und Transgender-Personen jedes Jahr Mut gibt und ihnen den Rücken stärkt„,

begrüßte auch Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Grüne) die mehrtägige Veranstaltung, die auch zahlreiche gesellschaftspolitische Ziele verfolgt.

„Das rot-grüne Wien hat im Landesrecht alle Möglichkeiten für die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren ausgeschöpft. Dennoch gibt es einige Verhinderer, die eine echte Gleichstellung von Lesben, Schwulen und Transgender-Personen rechtlich blockieren. Wir fordern daher: Gleichgeschlechtliche Paare müssen Kinder adoptieren können, die Ehe muss für Lesben und Schwule geöffnet werden, und es muss ein klares Bekenntnis zu rechtlicher und gesellschaftlicher Gleichstellung geben.“

 „Der Abschluss der Regenbogenparade und das Pride Village finden heuer am Rathausplatz im Herzen der Stadt statt. Diese Tatsache zeigt deutlich, dass Wien Farbe bekennt – und zwar die Farben des Regenbogens. Außerdem wird bei Vienna Pride der Jahresschwerpunkt in der Arbeit der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen eingeläutet. Heuer beschäftigt sich die Stadt verstärkt mit dem Thema Transgender. Das Ziel ist der Abbau von Vorurteilen und Diskriminierungen gegenüber Transgender-Personen, denn geschlechtliche Identitäten sind so vielfältig wie die Farben des Regenbogens. Egal ob trans, bi, lesbisch, schwul oder hetero – in Wien haben alle Lebens- und Liebesmodelle Platz“, 

unterstrich Antidiskriminierungs-Stadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ).

Gesellschaftspolitische Änderungen sind überfällig!

Bei allem Entertainment und den beeindruckenden Shows stehe ein ernsthaftes und dringliches Anliegen im Vordergrund, führte CSD-Obmann Andreas Salat aus.

„Wir verfolgen mit Vienna Pride klare Ziele, die ein gleichberechtigtes Leben ermöglichen sollen“,

so Salat weiter.

Konkret hat sich Vienna Pride 2012 folgende fünf Schwerpunkte gesetzt:

  • Ausweitung des Partnerschaftsrechts: Seit 1. Jänner 2010 können homosexuelle Paare in Österreich eine eingetragene Partner_innenschaft als ehe-ähnlichen juristischen Pakt eingehen. Eine faktische Zivilehe wie beispielsweise in Spanien, Belgien, Portugal, Schweden oder den Niederlanden wurde damit jedoch nicht erreicht. Ebenso ist es homosexuellen Paaren – vor allem aufgrund des konservativen Widerstands beispielsweise seitens der ÖVP – nicht möglich, in jedem Bundesland eine Hochzeitszeremonie am Standesamt zu feiern. Von den diskriminierenden Regelungen ist zum Beispiel auch das Namensrecht betroffen: Homosexuelle Partner_innen führen nach einer Eintragung in offiziellen Dokumenten keinen „Familiennamen“ mehr, sondern nur einen „Nachnamen“.
  • Anpassung des Adoptionsrechts: Derzeit ist es gleichgeschlechtlichen Paaren untersagt, Kinder zu adoptieren. Laut einer Studie von Karmasin-Marktforschung sprechen sich 50 Prozent der Österreicher_innen für ein gleichberechtigtes Adoptionsrecht und lediglich 39 Prozent dagegen aus. Homosexuellen Frauen und Männern bleibt derzeit die Adoption eines Kindes jedoch verwehrt. Auch die Stiefkindadoption, also die Adoption eines leiblichen Kindes, das der Partner oder die Partnerin in die eingetragene Partner_innenschaft mitbringt, durch den/die andere Partner/in ist nicht möglich.
  • Änderung des Fortpflanzungsrechts: Lesbischen Frauen ist – wie alleinstehenden Frauen – nach wie vor der Zugang zur Fortpflanzungsmedizin verwehrt. Auch in Lebensgemeinschaften und eingetragenen Partner_innenschaften lebenden sowie grundsätzliche allen alleinstehenden Frauen ist der Zugang zu künstlicher Befruchtung (Samenbanken) zu ermöglichen.
  • Ausweitung des Antidiskriminierungsgesetzes: Der gesetzliche Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellenOrientierung besteht derzeit ausschließlich im Bereich Beschäftigung und Beruf und muss auf alle Lebensbereiche ausgeweitet werden.
  • Gesellschaftliche Akzeptanz: Auch in Sachen gesellschaftliche Akzeptanz ist noch einiges zu tun. Durch öffentliche Präsenz, wie beispielsweise durch die Vienna Pride, und durch vermehrte Aufklärung sollen Vorurteile abgebaut werden.

Die Veranstalter_innen möchten aber auch einen Blick über die Grenzen werfen. „In Ländern wie dem Iran werden nach wie vor Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung hingerichtet, in Ländern wie Russland diskriminierende Gesetze beschlossen, in Nachbarstaaten wie der Slowakei fürchten die Paraden-Veranstalter_innen Übergriffe“, erklärte Dziedzic.

Regenbogenparade XXL

Die seit 1996 stattfindende Regenbogenparade, die seit 2003 von der HOSI Wien veranstaltet wird, nimmt im Rahmen von Vienna Pride eine wichtige Rolle ein.

„Zur Regenbogenparade am Samstag, den 16. Juni 2012, werden wieder an die 100.000 Menschen erwartet“,

freute sich HOSI-Wien-Obmann Christian Högl.

Die Regenbogenparade wird heuer erstmals einmal den Ring komplett umrunden: Beginn und Ende sind nämlich vor dem Rathaus. Sowohl für die Teilnehmer_innen als auch für die Zuseher_innen bringt die örtliche Nähe von Start und Ziel zum Pride Village am Rathausplatz Vorteile: So kann man sich dort auf die Parade einstimmen und auch letzte Vorbereitungen am Styling erledigen: Ab 11 Uhr Vormittag wird es ein Paraden-Warm-Up am Rathausplatz geben.

Am Start wird es unmittelbar nach dem Regenbogen-Luftbogen wieder die im Vorjahr eingeführte Fotozone geben, die akkreditierten Medienvertreter_innen zur Verfügung steht. Außerdem befindet sich in diesem Bereich die Tribüne der Jury, die alle Paradenbeiträge nach verschiedenen Kriterien bewertet und Gewinner_innen in drei Kategorien ermittelt. Högl weiter:

„Die wirklichen Stars der Parade sind die Teilnehmer_innen und daher freuen wir uns, dass wir heuer deutlich mehr Anmeldungen verzeichnen können, wie in den Vorjahren. Für viel Aufsehen werden die Wiener Linien sorgen, die nicht nur wieder traditionell in den Wochen rund im die Parade mit Regenbogenfähnchen unterwegs sind, sondern diesmal auch mit zwei parallel auf beiden Gleiskörpern fahrenden Straßenbahnen die Parade anführen werden.“

Ab 18.00 Uhr wird dann am Rathausplatz die Abschlusskundgebung „Pride Show“ als rauschende, aber auch politische Party mit zahlreichen nationalen Acts stattfinden.

„Wir setzen bewusst auf österreichische Acts, um eine Abgrenzung zu Events wie dem Life Ball zu schaffen und auf den heimischen Bezug der Vienna Pride hinzuweisen“,

erklärt Salat das Programm.

Ein buntes Dorf am Wiener Rathausplatz

Im Zuge der Vienna Pride öffnet heuer zum zweiten Mal das „Pride Village“ seine Pforten – und zwar erstmals am Rathausplatz (Dienstag, 12. Juni bis Freitag, 15. Juni 2012). Nach Vorbildern in Barcelona und Zürich erwartet die Besucher_innen ein anregender Mix aus Diskussionen, Show-Programm und Verköstigung als Einstimmung auf die Parade. Die Zeltstadt vor der politischen Machtzentrale der Bundeshauptstadt soll als Ort des Austauschs, der Begegnung und natürlich auch des Vergnügens fungieren. „Das ‚Pride Village‘ wird die Lebensfreude der LGBT-Community im Vorfeld der Parade deutlich zeigen“, erklärt Salat. Mit der bunten Zeltstadt soll auch die öffentliche Wahrnehmung gesteigert werden, da hier über mehrere Tage hinweg inhaltliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Themen der LGBT-Community stattfindet. Die zahlreichen Pagodenzelte abseits des großen Festzeltes werden dabei von unterschiedlichen NGOs und Vereinen bespielt, die über aktuelle politische Fragestellungen informieren. Parallel dazu wird sich die Community-Gastronomie um das leibliche Wohl und Erfrischungen kümmern. Im Hauptzelt wird Politik und Unterhaltung geboten. In den frühen Abendstunden finden unterschiedliche Diskussionen statt, wobei öffentlich kaum diskutierte Themen wie „Queere Medien – Quo Vadis“ oder „Homosexualität – Natur oder Kultur?“ ventiliert werden. Zu späterer Stunde dominieren aufwendige und schillernde Shows das vielfältige Entertainment- Angebot.

Die Eröffnung des „Pride Village“ findet am Dienstag, den 12. Juni 2012 ab 20.00 Uhr im Hauptzelt unter politischer Beteiligung statt.

Fulminantes Finale am Rathausplatz

Den krönenden Abschluss der Vienna Pride, zu der sechsstellige Besucher_innenzahlen erwartet werden, bildet im Anschluss an die Regenbogenparade die „Pride Show“, die heuer wieder am Wiener Rathausplatz stattfindet und damit direkt im Herzen der Stadt und an einem Ort, der für Miteinander und Respekt, aber auch politische Grundsätze steht. Dieser Ort ist auch im internationalen Kontext einzigartig, wo die Paraden und Kundgebungen meist an weit weniger prominente Plätze verdrängt werden.

Direkt im Anschluss an die Parade findet ein Showprogramm statt, das die Teilnehmer_innen der Parade und Besucher_innen bis in die Abendstunden mit beeindruckenden Shows unterhalten wird. Das Entertainment-Programm der Vienna Pride Show ist heuer so vielfältig wie noch nie: Bands, Schlager, Pop, Hardrock, Lovesongs, Showprogramm de Luxe und eine Hommage an Michael Jackson. Die Musikauswahl der Acts lädt zum Mitsingen und Mittanzen ein.

Ernsthafter geschichtlicher Hintergrund

Als wohl wesentlicher Wendepunkt in der LGBT-Geschichte wird ein Ereignis angesehen, das sich am 28. Juni 1969 in New York City ereignete. In den 1960er Jahren wehte der LGBT-Community ein rauer Wind entgegen, und willkürliche, oftmals gewalttätige Polizeiinterventionen waren an der Tagesordnung. Die Aktivist_innen waren seinerzeit noch lange vom Ziel einerGleichstellung entfernt und kämpften um die Entkriminalisierung derHomosexualität. Am 28. Juni 1969 waren das New Yorker Gay-Lokal „Stonewall Inn“ wie auch die anderen Szene-Bars in der Christopher Street überfüllt. In der Community herrschte tiefe Betroffenheit über den Tod von Judy Garland, die als Schwulenikone schlechthin galt. Die Polizei drang ins Lokal ein und drangsalierte die Gäste im Moment kollektiver Trauer, doch die Menschen setzten sich erstmalig zur Wehr. Es kam zu Straßenkämpfen mit der Polizei, die sich über mehrere Tage hinzogen und heute als Symbol für das Erstarken der LGBT-Community gelten. Ein Jahr darauf wurde des Vorfalls mit dem ersten „Christopher Street Liberation Day“ gedacht, der seither jährlich am letzten Samstag im Juni zelebriert wird.

Der Funke, der in New York übergesprungen war, breitete sich rasch aus, und 1979 fanden in Deutschland bereits erste CSD-Veranstaltungen statt. In Wien wurde die Regenbogenparade, deren Namensgeber Mario Soldo ist, erstmals 1996 veranstaltet. Seit damals zieht sie – meist gegen die Fahrtrichtung – über den Ring und macht auf die Forderungen der LGBT-Community aufmerksam. Zugleich setzt sie ein Zeichen der Lebensfreude und Sichtbarkeit.

Durch die Zusammenarbeit zwischen dem Verein CSD Vienna und der HOSI Wien wurde 2011 erstmalig Vienna Pride präsentiert, das sich auch heuer als mehrtägiges und inhaltlich vertiefendes Festival für die LGBT-Community und alle Bürger_innen Wiens sowie internationale Gäste versteht.

Links:

Anzeige

Leave A Reply

Your email address will not be published.

*

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.