R.E.M. – „Collapse Into Now“: Ein Meistwerk in allen Belangen….

Eine Band, die vor 30 Jahren ihre erste Single (“Radio Free Europe”) veröffentlichte, kann getrost zu den Dinosauriern der Rockmusik gezählt werden. R.E.M., jene Band, auf die sich irgendwie jeder irgendwie einigen kann, sind (wieder) zurück. Mit „Collapse Into Now“ legen sie ihr 15. (!) Studioalbum vor und es ist eines ihrer besten (seit einer halben Ewigkeit) geworden.

R.E.M., die Väter des College-Rocks und Wegbereiter für Bands wie Nirvana oder Pearl Jam, wurden am 5. April 1980 in Athens/Georgia (bekannt für Hüsker Dü, B-52`s,…) – noch unter dem Namen „Twisted Kites“ – gegründet und gelten seither als Ikonen der Alternativ-Szene. Es gibt kaum eine Band, der über all die Jahre das Kunststück gelingt, nicht nach den Massen zu schielen und sie dennoch zu erreichen.

„Murmur“, das Debut-Album wurde 1983 auf einem kleinen Indipendant-Label veröffentlicht und gilt unter Fans der ersten Stunde als das beste Album der Band. Es wurde vom amerikanischen Rolling Stone-Magazin zum Album des Jahres gekürt (noch vor Michael Jackson’s „Thriller“, The Police’s „Synchronicity“ oder U2’s „War“) und verkaufte sich im ersten Jahr ca 200.000 Mal. Auch die Folgealben „Reckoning“ 1984 „Fables Of The Reconstruction“ 1985 wurden keine Megaseller, dennoch „knackten“ die Alben regelmäßig die Top 30 der US-Billboard-Charts.

Waren die ersten drei Alben geprägt vom mysteriösen Gesang eines Michael Stipe und Folk-Pop- und Post-Wave-Anleihen, wurde mit „Lifes Rich Pageant“, dem vierten Album und bis dato erfolgreichsten in nur vier Jahren, der Wandel eingeläutet. Michael Stipe, der charismatische Sonderling klang klarer als je zuvor und auch die Botschaften wurden eindeutiger. Es gilt als Übergangswerk und Wegbereiter für spätere Erfolge.

1987 kann in der Karriere von R.E.M. als Zäsur angesehen werden. Es ist jenes Jahr, in dem ihnen in den USA der Sprung zu Superstars gelingt (ohne diesen je gesucht zu haben). Wirkte das Vorgängeralbum „Lifes Rich Pageant“ noch unausgegoren, schämenhaft, unfertig, so gelingt der Band mit „Document“ ein farbenprächtiges Meisterwerk. Unzählige Klassiger fügen sich zu einem atemberaubend schönen Ganzen zusammen. „This one goes out to the one I love“ sing Michael Stipe, so als wolle er sich bei den Fans bedanken, die dieses Album zum ersten Megaseller der Band mit mehr als einer Millionen verkauften Einheiten in den Staaten machen.

„It`s the end of the world as we know it“ von “Document” läutete gleichzeitig eine Zäsur ein. R.E.M. verließen das kleine Indie-Label I.R.S. und wechselten zum Major “Warner Brothers”. Unkenrufe wurden laut, R.E.M. verkaufe seine Seele. Doch bereits 1988 bewiesen R.E.M. ihren Zweiflern, dass die Band weiterhin ihren Weg geht ohne den Geschmack der Massen zu suchen. Selbstverständlich klang „Green“ zugänglicher als die Vorgänger, doch gleichzeitig spendeten R.E.M. die gesamten Einnahmen des Albums Greenpeace.

Zum ersten Mal in der Bandgeschichte machten R.E.M. – in der Zwischenzeit von der Musik-Bibel „Q“ zur besten Band der Welt ernannt – eine Pause, dem 10-Millionen-Dollar-Plattenvertrag mit „Warner“ sei Dank, bevor sie nach drei Jahren Plattenpause mit „Out Of Time“ den Zeitgeist trafen und einen weltweiten Megaseller verbuchen konnten. „That’s me in the corner, that’s me in the spotlight, losing my religion,….“ kann wohl jeder auswendig mitsingen. Davon abgesehen bot diese Platte viel durchschnittliches, was den Verkaufszahlen keinen Abbruch tat.

Nur ein Jahr später wurde mit „Automatic For The People“ das für viele beste Album der Band veröffentlicht. Es gilt zu Recht (!) als Meilenstein, als Wunderwerk – eine Platte, auf der jede Nuance stimmt. „Man on the moon“, „Drive“, „Nightswimming“ und natürlich das unvergleichliche „Everybody Hurts“. R.E.M. am Höhepunkt ihrer Karriere – ein Album purer Magie.

R.E.M. wurden mit Preisen sowie Lob überschüttet und machten U2 den Titel der größten Band der Welt mehr als streitig. Doch so als ob ihnen all dieser Starruhm zuwider wäre, veröffentlichten sie 1994 ein (sehr) lautes „Monster“ – es war ihr Versucht dem Starrummel auf ihre Art und Weise zu entfliehen, indem sie die Gitarren dröhnen, die Drumms rumpeln ließen und mit Punk-Attitüden auf große Welttournee gingen. Dass diese beinahe das Ende der Band bedeutete, sei nur am Rande erwähnt. „Monster“ wurde trotz seiner großteils eher platten Songs und dank der größten Tournee in der Bandgeschichte ebenfalls zu einem Megaseller.

Der „Lohn“ für R.E.M. war der bis dahin teuerste Platten-Vertrag der Bandgeschichte: 80 Millionen US-Dollar für 5 Alben. Der Ausverkauf hatte begonnen, so die Kritiker, doch 1996 bewiesen R.E.M. dass sie nicht umsonst als die beste Band der 90er Jahre galten. Mit „New Adventures in Hi-Fi“ sind R.E.M. „back on track“ und veröffentlichen die beste Platte ihrer Karriere. 65min Spielzeit, ein Gastauftritt von Rock-Ikone Patti Smith und eine Abrechnung mit dem eigenen Starruhm („Your eyes are burning holes through me“). New Adventures in Hi-Fi zählt heute zu einem der unterschätztesten R.E.M.-Alben – auch weil es keine einzige Hit-Single hervorbrachte.

Das zu Ende gehende Jahrtausend begann 1998 mit einem Paukenschlag: R.E.M-Drummer und Gründungsmitglied Bill Berry verabschiedete sich (aus gesundheitlichen Gründen) und die Band machte als Trio – getreu dem Motto „a 3-legged dog is still a dog“ – weiter. Das Resultat war „Up“, ein Album auf den Spuren von Radiohead: Soundteppiche die sich zu komplexen Klangskulpturen vereinen. Ein kommerzieller Flop (trotz 2-jähriger Tour), jedoch ein weiteres unterschätztes Album.

2001 wurde schließlich von der internationalen Presse zum Schicksalsjahr für R.E.M. hochstilisiert. Schaffen die gefallenen Helden einen Neubeginn als Trio oder ist es das endgültige Ende für eine der wichtigsten Bands der Musikgeschichte. Mit „Reveal“ bewiesen Michael Stipe, Peter Buck und Mike Mills, dass sie nach wie vor eine Konstante im Musikbusiness sind, auch wenn die großen Erfolge vorbei zu sein schienen. „Imitation of life“, eine Abrechnung mit der Oberflächlichkeit Hollywoods und das tieftraurige „I’ll take the rain“ zeigten aber deutlich, dass R.E.M. nach wie vor das Potential für grandiose Melodien hatten.

Im Jahr 2004 schlossen sich R.E.M. mit Ikonen wie Bruce Springsteen und Pearl Jam zusammen um im Rahmen der „Vote For Change-Tour“ dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry gegen Georg W. Bush zu unterstützen. Alle Welt erwartete von R.E.M., den Gutmenschen, ein wutentbranntes Pamphlet gegen den Irak Krieg und die Politik des amtierenden Präsidentschaft, geworden ist es ein zaghaftes, schüchternes Werk. „Around The Sun“ zählt heute – wohl zu Recht – zu der schwächsten Platte des R.E.M. Katalogs.

Nach dieser Enttäuschung beschlossen R.E.M. neue Wege zu gehen und zogen sich 2007 für sogenannte „working rehearsals“ nach Dublin zurück, wo sie neue Songs an 5 Abenden im intimen Ambiente des Olympia Theatre vor Fanclub-Mitgliedern, Freunden und Familie performten. Das Ergebnis war das 2008 veröffentlichte „Accelerate“, in welchem sich R.E.M. darauf besannen eine Rock-Band zu sein. Dieses Album war ein lautes Lebenszeichen einer Band, die von vielen schon totgesagt wurde und gibt zugleich einen Ausblick über die weitere Zukunft der Band.

R.E.M. legten mit „Accelerate“ den Anzug der 90er-Stadionband ab und waren wieder zu jener Größe „geschrumpft“, die ihnen am besten passt. Es war das Ende einer langen Reise zurück zu den Wurzeln, auf gewohntes Terrain. All dies gipfelte schließlich im nun veröffentlichen Album „Collapse Into Now“. Eine Band, die mit diesem Album den Ballast des 80-Millionen-Dollar-Plattenvertrag abwerfen und sich wieder darauf konzentrieren konnte, was sie am besten kann: Melodiöse Songs im Spannungsfeld von Pop und Rock zu schreiben. Lange, seit den Alben „New Adventures in Hi-Fi“ und „Up“ wurde die Rückkehr zu alter Stärke von Fans und Kritikern erhofft, sogar „gefordert“; und nun sind R.E.M. wieder dort wo sie hingehören – an die Spitze.

Wer von den Rock-Dinosauriern ein Feuerwerk an revolutionären Ideen erwartet, ist hier fehl am Platz – dies war nie die Paradedisziplin dieser Band. Vielmehr beweisen R.E.M. mit ihrem 15. (!) Album, dass sie zu Recht die „beste kleine Band“ sind. Während U2 seit Jahren damit beschäftigt sind, die kreative Leere mit immer wahnwitzigeren Bühnenshows auszugleichen, tun R.E.M. dies mit einem in sich geschlossenen Werk, welches die Leichtigkeit früherer Meisterwerke wiedererkennen lässt.

„Collapse Into Now“ beginnt mit einem wahren Feuerwerk, dem mächtigen „Discoverer“. Das Schlagzeug von Ex-Ministry-Drummer Bill Rieflin und die hervorstechende Rickenbacker-Gitarre von Peter Buck machen klar, dass diese Band auch nach mehr als 30 Jahren eine echte Größe im Rock-Genre ist. Dies untermauert „All The Best“, der in bester R.E.M.-Tradition agiert und auch auf „New Adventures in Hi-Fi“ gut ausgesehen hätte.

Nach dem furiosen Start von „Collapse Into Now“ folgt mit „Überlin“ ein von der Akkustik-Gitarre und Stipes-Gesang getragene Hymne, die an Leichtigkeit kaum zu überbieten ist. Auf „Oh My Heart“ singt Michael Stipe mit solcher Inbrunst, so als hätte er alleine die gesamte Last der Hurrican-Katastrophe zu tragen – eine wunderbar traurige Hommage an New Orleans, untermalt vom Akkordeon-Spiel von Langzeit-Touring-Member Scott McCaughey und den schweren Bläsern von Bonerama.

„It Happened Today“ vereint schließlich eine ganze Reihe von Gastauftritten und beinhaltet grandiose Mehrstimm-Gesäge, welche sich zusehends steigern und in einem furiosen Finale von Michael Stipe, Mike Mills, Joel Gibb (Hidden Cameras) und Eddie Vedder (Pearl Jam) enden. Ein absolutes Highlight des Albums. Noch bevor R.E.M. mit „Mine Smell Like Honey“ – der ersten US-Single – wieder eindrucksvoll beweisen, dass Rock-Songs nicht oberflächlich und platt sein müssen um einen grandiosen Refrain zu haben, schaffen sie mit „Everyday Is Yours To Win“ das Kunststück, einer traurigen Melodie die notwendige Zuversicht einzuhauchen, um darauf Kraft schöpfen zu können.

Auf „Walk It Back“ besinnen sich R.E.M. ihrer Fähigkeit, die schönsten Herbst-Songs zu schreiben. Dieser reiht sich ein in eine lange Liste, angefangen von „Perfect Circle“ von „Murmur“ über „Find The River“ von „Automatic For The People“ über „I’ve been high“ von „Reveal“ bis hin zu „Make It All Okay“ von „Around the sun“. Ein absoluter Höhepunkt auf „Collapse Into Now“.

Weiter geht es mit „Alligator_Aviator_Autopilot_Antimatter“, einem Punk-Rock-Song im Stile der frühen R.E.M.. Veredelt wird dies vom Gitarrensolo von Lenny Kaye und der Stimme der „Punk-Schlampe“ Peaches. Ein lyrisch schwacher, dafür musikalisch umso vorantreibender Song.

„Than Someone Is You“ zeigt einen Michael Stipe in lyrischer Höchstform und tolle Backking-Harmonies von Mike Mills. Leider mit 1:42min sehr kurz. Noch bevor „Collapse Into Now“ in ein furioses und gleichzeitig verzerrtes Finale gelangt, zollt R.E.M. Marlon Brandio Tribut. „Me, Marlon Brando, Marlon Brando And I“ ist ein subtiles Stück Musik, in dem man die Zerbrechlichkeit zu fühlen glaubt.

Den Abschluss und einen weiteren Höhepunkt bildet schließlich „Blue“, in welchem Post-Punk-Göttin Patti Smith zum zweiten Mal nach „E-Bow The Letter“ von „New Adventures in Hi-Fi“ einem R.E.M.-Song die fehlende Sinnlichkeit verpasst. Smith, die über Jahre hinweg zum engsten Freundeskreis der Band zählte, schafft es, aus einem sehr guten Song einen außergewöhnlichen zu machen.

Was für ein Fazit soll man zu dem 15. (!) Album von R.E.M. in 30 Jahren sagen? Im Prinzip wurde in all den Jahren schon alles mindestens einmal gesagt, doch selten zuvor in der Bandgeschichte war es zutreffender als jetzt, dass R.E.M. im Hier und Jetzt angekommen sind. R.E.M. wollen sich gar nicht neu erfinden (dies müssen sie auch nicht), sie wollen einfach nur gute Musik machen und dies ist ihnen mit „Collapse Into Now“ mehr als eindrucksvoll gelungen.

Kritiker mögen in einigen Songs Anleihen früherer Songs finden, doch sie sollten dabei bedenken, dass R.E.M. zum ersten Mal seit zumindest 15 Jahren wieder ein in sich geschlossenes Album vorlegen, welches sich keinen einzigen Durchhänger leistet.

R.E.M. haben allen Unkenrufen zum Trotz ein sehr gutes Album vorgelegt. Eine Frage bleibt abschließend noch zu beantworten: Ist „Collapse Into Now“ nun ein großartiges Alterswerk oder ein zeitloses Meisterwerk? Vermutlich Letzteres – ein Meistwerk in allen Belangen….

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4 Comments
  1. hans says

    Good job. REM zeigen tatsächlich dass sie noch immer was drauf haben – für mich die beste Platte seit 1992.

  2. Lavendelblüte says

    Ich bin bei REM nach Reveal ausgestiegen, bei der neuen hab ich reingehört und war sofort begeistert! Die „alten“ R.E.M. sind wieder da – herrlich.

  3. visionary says

    R.E.M. hat die besten Tage schon lange hinter sich. Diese Platte ist der beste Beweis.

  4. Big Panther says

    Die Abgesänge auf REM dürften irgendwie „cool“ sein! Ich kann’s nicht nachvollziehen! Die neue gefällt sehr und ist der beste Beweis, dass REM noch immer (oder wieder) gut drauf sind!

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