ÖVP-Fibel: Konservative wettern gegen Homosexuellen-Rechte

Die österreichische Volkspartei von Bundesparteiobmann und Vizekanzler Michael Spindelegger hat den Vorwahlkampf für die turnusmäßig im November 2013 stattfindenden Nationalratswahl eröffnet. In einem 61 Seiten starken Dokument wettert die ÖVP gegen eine mögliche rot-grüne Bundesregierung, welche derzeit ohnehin in weiter Ferne ist, wenn es nach aktuellen Wahlumfragen geht. In einem Anflug von Paranoia hetzt die Partei gegen Homosexuellen-Rechte und negiert sämtliche wissenschaftliche Fakten zu Regenbogenfamilien.

Als Josef Pröll aus gesundheitlichen Gründen den Posten des Bundesparteiobmannes der ÖVP abgegeben hat und Michael Spindelegger zu seinem Nachfolger gekürt wurde, stellte thinkoutsideyourbox.net die Frage, ob Homosexuellen-Rechte nun endgültig in der Sackgasse wären. Diese Vorahnung bestätigt sich nun jetzt offensichtlich immer deutlicher.

Unter Michael Spindelegger hat sich die ÖVP von dem Versuch der Verjüngung der Partei, dem Ankommen in der gesellschaftlichen Realität des 21. Jahrhunderts und der im Jahr 2007 groß vorgestellten und versprochenen Umsetzung der Ergebnisse der  ÖVP-Perspektivengruppe verabschiedet. Mit der nun vorgelegten ÖVP-Fibel, die an viele ÖVP-FunktionärInnen verschickt wird, wird dieser Abkehr von einer liberalen Partei der Mitte konsequent forgesetzt.

ÖVP wettert gegen Gleichstellung von Lesben und Schwule

In dem 61-seitigen Dokument wettert die Partei gegen eine mögliche rot-grüne Regierung auf Bundesebene. Viel mehr noch, scheint die Partei aus der Defensive viel stärker auf Populismus und reaktionäres Gedankengut  zu setzen. Auf bürgerliche WählerInnen will die Partei scheinbar gänzlich verzichten, denn die nun vorgelegte Fibel und die dargelegte Rhetorik lehnt sich markant an eine phrasendreschende populistische HC Strache FPÖ. So heißt es unter anderem:

  • „Rot-Grün heißt Chaos und Anarchie.
  • Rot-Grün heißt Asylmissbrauch.
  • Rot-Grün heißt Abtreibung auf Krankenschein.
  • Rot-Grün heißt Abschaffung der Ehe.
  • Rot-Grün heißt Guantanamo-Häftlinge in Österreich.“

Offenbar ist es der ÖVP entgangen, dass in Wien seit der rot-grünen Regierungsbildung kein Chaos oder Anarchie ausgebrochen ist, aber in einem Anflug von Paranoia kann die Wahrnehmung von (wissenschaftlichen) Fakten und Studien nun mal etwas getrübt werden.

Umfangreich widmet sich die ÖVP auch Lesben und Schwulen, die trotz Einführung der Eingetragenen Partnerschaft in vielen Bereichen diskriminiert und ungleich gestellt werden – auf Druck der ÖVP. Immerhin hat der Verfassungsgerichtshof so manche Gemeinheit der ÖVP mittlerweile aufgehoben, wie das Zwangsouting beim diskriminierenden Namensrecht. Das hindert die ÖVP-StrategInnen  aber nicht, weiter gegen Lesben und Schwule zu wettern und hetzen. So heißt es auf Seite 40, wie GGG.at berichtet:

„Geht es nach Rot-Grün, ist die Ehe, wie wir sie heute kennen, als Zeichen der innigsten Verbindung zwischen Mann und Frau und der Begründung einer Familie, bald Geschichte. (…) Zudem würde Rot-Grün sofort die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften öffnen und damit die besondere Stellung einer auf Kinder und Familie ausgerichteten Partnerschaft zwischen Mann und Frau untergraben.“

Die ÖVP sieht sich als Bewahrerin der Ehe, die vor gleichgeschlechtlichen Paaren geschützt werden müsse. Schließlich sei die Ehe eine auf Dauer ausgerichtete PartnerInnenschaft zur Zeugung von Kindern. Da stellt sich die Frage: Wie viele Ehen werden geschieden? Wie viele Ehen bleibt (bewusst) kinderlos? Wie viele Kinder wachsen in Familienformen abseits dem Vater-Mutter-Kind-Modell auf?

ÖVP wettert gegen Regenbogenfamilien

Doch dem nicht genug. Die ÖVP hetzt auch gegen Regenbogenfamilien. So negiert sie nicht nur gesellschaftliche Realitäten, sondern spricht Lesben und Schwulen, die tagtäglich Kinder erziehen und ihnen ein wohlbehütetes Zuhause bieten, diese Fähigkeit ab und somit auch die rechtliche Anerkennung.

„Rot-Grün will die Adoption für Homosexuelle ermölichen – so wie es in der Stadt Wien schon gemacht wird. (…) Während die Familienpartei ÖVP das Wohl des Kindes – das Vater und Mutter braucht – in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen rückt, möchte Rot-Grün nur ihre Ideologie durchsetzen.“

Es hat nichts mit Ideologie zu tun, wenn Fakten und wissenschaftliche Studien beurteilt werden und dann im Sinne des Kindeswohls gehandelt wird. Die ÖVP tut dies nicht. Anders ist es nicht zu erklären, dass die ÖVP sämtliche wissenschaftlichen Studien und Untersuchungen negiert.  Diese wissenschaftliche Studien und Untersuchungen belegen mehr als nur deutlich, dass es nicht auf die Familienkonstellation, sondern auf die Fürsorge und Liebe ankommt, die von den Eltern dem Kind entgegengebracht werden, damit dieses eine gesunde Entwicklung erfährt. Für die reaktionären Geister der ÖVP eine kurze Zusammenfassung:

Alle Argumente der ÖVP sind längst widerlegt

  • Ehe-Öffnung gefährdet heterosexuelle Ehe: Widerlegt.
  • Gesellschaft für Homo-Ehen nicht bereit: Widerlegt, denn z.B. die österreichische Bevölkerung begrüßt bereits seit 2008 die Gleichstellung von Lesben und Schwulen mehrheitlich.
  • Kinder brauchen Vater und Mutter: Widerlegt, denn Familie ist, wo Kinder sind.
  • Kinder können nur in traditionellen Familien “gesund” groß werden: Widerlegt.
Gerade die Ablehnung und Verweigerung der ÖVP, diesen Kindern Geborgenheit und eine rechtlich abgesicherte Familie zu ermöglichen, ist somit nicht nur rein ideologisch begründet sondern letztlich sogar grob fahrlässig. Die ÖVP hat sich als Familienpartei endgültig disqualifiziert und bietet keine Zukunftsperspektive für ein Land, das den Anspruch hat, dass alle BürgerInnen gleich an Rechten und Würde geboren sind, wie dies in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt.
(Bild: Dieter Zirnig – CC-BY-2.0 – Flickr)
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8 Comments
  1. Georg Pichler says

    Vielleicht magst du dieses Video
    http://www.youtube.com/watch?v=FSQQK2Vuf9Q&feature=player_embedded
    bei „Kinder können nur in traditionellen Familien “gesund” groß werden: Widerlegt.“ als Link einbinden.

    Nach wie vor eine der besten, beeindruckendsten und authentischsten Ansprachen zum Thema Regenbogenfamilien.

  2. thinkoutsideyourbox.net says

    @Georg:

    Ja, diese Rede dieses beeindruckenden jungen Mannes kenne ich.

    Ist definitiv eine der besten Reden zu Regenbogenfamilien, die alle ideologischen Argumente gegen die völlige Gleichstellung von Lesben und Schwulen und Regenbogenfamilien widerlegt und als haltlos entlarvt.

  3. Stefanie says
  4. […] bekannt. Erst kürzlich hat die ÖVP dies in ihrer ÖVP-Fibel “zum Besten gegeben” (thinkoutsideyourbox.net berichtete). Dass jedoch auch Tourismusbetriebe GästInnen diskriminieren, nur weil sie nicht dem […]

  5. […] Erst kürzlich wetterte die Partei in der veröffentlichten “ÖVP-Fibel” gegen Regenbogenfamilien, wenn es eine rot-grüne Bundesregierung geben würde (thinkoutsideyourbox.net berichtete). […]

  6. […] “ÖVP-Fibel” warnt vor “Abschaffung der Ehe” und Adoptionsrecht für Regenbogenfamilien. […]

  7. […] “ÖVP-Fibel” warnt vor “Abschaffung der Ehe” und Adoptionsrecht für Regenbogenfamilien. […]

  8. […] “ÖVP-Fibel” warnt vor “Abschaffung der Ehe” und Adoptionsrecht für Regenbogenfamilien. […]

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