Kurzfilm „Uncertain“ – mit Studiendaten zu Suizidraten, Homophobie und Interview mit Filmemacher

Homosexuelle Jugendliche haben ein deutlich höheres Suizidrisiko, als gleichaltrige heterosexuelle Jugendliche. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen häufig in der Unsicherheit während dem Coming-Out-Prozess und häufig in diskriminierenden und homophoben Reaktionen aus dem Umfeld der Jugendlichen. Gerade in Nordamerika gibt es eine erschreckende Serie von Suiziden von homosexuellen Jugendlichen – trotz aller Bemühungen und Kampagnen. Der schwule Kurzfilm „Uncertain“ greift dieses Thema auf und, wie der Regisseur Luis Fernando Midence sagte, war der Suizid eines jungen 13-jährigen Teenagers der Anlass für ihn, den Film zu drehen.

Allein im jungen Jahr 2012 sind aus den USA bereits drei Suizide von jungen homosexuellen Teenagern zu berichten. Sämtliche Fälle decken sich großteils mit dem homophoben Reaktionen, Bullying und der Ablehnung in der Schule und im Alltag, den die jungen Menschen erfahren mussten (thinkoutsideyourbox.net berichtete).

Häufig fehlender sozialer Rückhalt bei/nach Coming-Out

Studien belegen ein höheres Suizidrisiko für LGBT-Jugendliche und liefern Gründe dafür. Über die Hälfte homosexueller Jugendlicher hat üble Nachrede und Mobbing Gleichaltriger erlebt. Eine Studie des Niedersächsischen Ministeriums für Frauen, Arbeit und Soziales ergab 2001, wie die HOSI Linz berichtet, dass etwa vier von zehn Befragten berichteten, dass sich Freunde zurückgezogen haben. Ebenso viele sind in der Öffentlichkeit beschimpft worden, knapp ein Drittel in der Schule. Häufig erleben SchülerInnen, dass Lesben und Schwule zu Zielscheiben von Witzen und Verachtung werden, ohne dass Lehrkräfte darauf angemessen reagieren.

So verteidigen nur etwa 18% der Lehrkräfte Lesben/Schwule im Unterricht, über 27 % jedoch lachen mit oder stimmen homophoben Äußerungen zu. Körperliche Gewalt aufgrund der sexuellen Identität haben bereits 7% der lesbischen und schwulen Jugendlichen in der Schule erfahren und 5,7% in der Öffentlichkeit. Körperliche Gewalt im Elternhaus erleiden aufgrund Ihrer Homosexualität 1,5% der Jugendlichen. Die Zahlen verdeutlichen: Homophobe Gewalt ist allgegenwärtig und spielt sich überwiegend auf der verbalen, psychischen Ebene ab. In der Mehrzahl der Fälle erleben die Jugendlichen die beschriebene Gewalt nicht einmalig, sondern mehrfach.

Lesbische und schwule Jugendliche haben eine vier- bis siebenmal höhere Suizidrate

So ist es wenig verwunderlich, dass die Suizidrate unter homosexuellen Jugendlichen deutlich höher ist, als unter heterosexuellen Jugendlichen. In einer Studie von Martin Plöderl im Rahmen seiner Dissertation hat dieser 358 schwule, lesbische und bisexuelle Personen befragt. 17 % der Lesben und 12 % der Schwulen haben bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen.

Bei einer vorsichtigen Schätzung, dass ca 6 % der Bevölkerung sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt (die Zahlen variieren von 5 bis 15 %), würden ca 30 % aller Suizidversuche in Österreich von homosexuellen Personen begangen werden. Das würde bedeuten, dass bei homosexuellen Menschen das Suizidrisiko bis zu sieben Mal höher ist, als bei der heterosexuellen Bevölkerung. Wie gefährlich das Fehlen sozialer Unterstützung ist, wurde in dieser Studie als Ursachea angeführt:

”Es seien deutlich mehr Risikofaktoren festzustellen. Homo- und Bisexuelle hätten eine geringere soziale Unterstützung, vor allem durch die eigenen Eltern: 30 Prozent der Väter und 20 Prozent der Mütter seien zum Zeitpunkt der Befragung noch immer sehr negativ oder negativ zur Homosexualität ihres Kindes eingestellt gewesen.”

Es ist daher enorm wichtig, dass sich gerade lesBiSchwule Jugendliche bei Problemen oder etwaigen Suizidgedanken an die Beratungsstellen wenden, die es in vielen kleineren und größeren Städten gibt. Auch wenn es dir womöglich von der Umwelt anders mitgeteilt wird, sei es durch verbale oder körperliche Gewalt, die bist einzigartig, wertvoll und nicht allein. Es gibt viele Menschen, die dich lieben und zwar so, wie du bist.

„Uncertain“-Filmemacher im Interview

„Schwuchtel“, „Homo“, „schwule Sau“. All das sind Schimpfwörter, die häufig auf Schulhöfen zu hören sind und einem LGBT-Jugendlichen ins Herz treffen. Der Kurzfilm „Uncertain“ greift dieses Thema auf. Der bereits 2010 entstandene Film hat leider auch zwei Jahre später seine Aktualität, da gerade die USA von einer erschreckenden Serie an Suiziden junger Homosexueller erschüttert werden. Anlass des Films war ebenfalls der Freitod eines 13-jährigen Jungen aus Texas, dem zwei weitere von 11-jährigen folgten, wie der Regisseur Luis Fernando Midence gegenüber dbna.de sagt. thinkoutsideyourbox.net bringt die wichtigsten Auszüge des Interviews mit freundlicher Genehmigung von „Du bist nicht allein“-Verein (dbna):

dbna.de: Wie kam es dann zu deinem Kurzfilm?

Luis Fernando Midence: Nach dem dritten Selbstmord, vielleicht eine Woche später, hörte man auf, über Suizid zu reden. Aber ich wollte mehr Informationen. Ich wollte wissen, was nun von den Schulen, dem Staat und der Regierung getan wird. Was machen wir mit den Kindern, die in ihren Schulen nicht akzeptiert werden? Was bringen wir unseren Kindern über Toleranz bei? Die Diskussion darüber hörte einfach auf. Also habe ich beschlossen, ein Drehbuch zu schreiben und es zu verfilmen.

dbna.de: Du hast dabei auch mit zwei schwul-lesbischen Hilfsprojekten zusammengearbeitet.

Luis Fernando Midence: Ja, das war ein sehr enger Kontakt. Ich wollte wirklich die richtige Botschaft rüberbringen. Also hatte ich schon früh mit ihnen gesprochen. Sie schickten mir ihre Studien über Mobbing und Selbstmord, ich ihnen die Entwürfe meines Drehbuchs – um zu erfahren, ob die Sprache angemessen war. Denn es gab auch die Idee, dass dieses Video ein Bildungsfilm werden könnte: Ich wollte es an Schulen zeigen, sodass dann später Lehrer und Schüler darüber reden und Fragen stellen können. Dabei waren die beiden Organisationen sehr hilfreich.

dbna.de: Es gibt nach der Berichterstattung über Selbstmord immer einen Nachahmer-Effekt. Das zeigt sich auch im Fall von Eric, welchem dann Carl und Jaheen folgten. Hattest du Bedenken, dass dies auch nach deinem Film eintreten könnte?

Luis Fernando Midence: Ich habe absolut keinen Zweifel, dass die anderen beiden Teenager Carl und Jaheen über den Selbstmord von Eric in den Medien hörten und ihn deshalb begingen. Denn das passierte nicht gleichzeitig sondern mit je einer Woche Verzögerung. Und klar: Wenn man über Selbstmord berichtet, dann bekommen vielleicht einige den Eindruck, dass das eine gute Lösung wäre.  Die große Herausforderung dieses Films war es, dass wir Selbstmord nicht romantisieren.

dbna.de: Wie hast du das vermieden?

Luis Fernando Midence: Im Film sitzt der Junge in einem Auto und kommt dann zu einem Feld. Der Ort sah wunderschön aus. Aber wir wollten es nicht schön aussehen lassen. Deshalb ist der Kontrast in dem Film so hart und sehr unrealistisch. Es ist die Idee, den Selbstmord nicht zu romantisieren und nicht die falsche Botschaft zu senden. So nach dem Motto: Er hat’s versucht, aber ist gescheitert. Also kannst du es auch versuchen und ebenso scheitern. Wir wollten diese Botschaft nicht aussenden. Deshalb haben wir die Information über die drei Organisationen ans Ende gesetzt. Wenn du Fragen hast oder Sorgen, wenn du durch eine harte Zeit gehst, dann kannst du diese Organisationen anrufen und sie werden dir irgendwie helfen.

dbna.de: Du sagst, dass es keine christliche Verbindung in dem Film gibt. Aber du spielst ja selber mit. Und meine erste Assoziation zu deiner Rolle war: Du bist der Tod!

Luis Fernando Midence: Weißt du, ich habe so viele Reaktionen dazu bekommen. Ursprünglich sollte ich ganz und gar nicht mitspielen. Wir hatten eine Schauspielerin für diese Rolle. Aber sie konnte nicht, weil sie plötzlich Schweinegrippe hatte. Und wir drehten in einer sehr abgelegenen Gegend. Da war niemand, der aushelfen konnte. Und ich kannte die Dialoge. Also sprang ich ein. Aber die Reaktion, die wir dann nach den ersten Vorführungen bekamen, war: Man dachte, ich sei ein Pädophiler. Also nicht ich selbst, sondern der Charakter, den ich spielte.

dbna.de: Was?

Luis Fernando Midence: Ja, der Charakter war der „bad guy“. Er wollte dem Kind etwas Böses tun. Das Ganze nahm also eine sehr interessante Wendung. Aber es gibt ja die Auflösung am Ende.

dbna.de: Aber was ist mit meiner Interpretation, du seist der Tod, der das Kind mitnehmen will?

Luis Fernando Midence: Die Rolle ist sehr offen für Interpretationen. Aber ich sehe das so: Der Junge hat viele Pillen genommen. Ich habe mit Medizinern darüber gesprochen, was in einem solchen Fall getan wird. Es gibt verschiedenen Prozeduren. Normalerweise leeren sie den Magen im Krankenhaus. Wenn es sehr schlimm ist und dein Körper sich schon verabschiedet, dann geben sie dir eine Tablette. Dann musst du dich übergeben. Anson (Anm. d. Red.: der Junge im Film) hat die Pille genommen, um alles auszuspucken. Trotzdem muss er dringend behandelt werden. Deshalb ist die Idee des Satzes „Wir müssen gehen“, dass wir zum Krankenhaus müssen. Aber das Kind will nicht. Es weiß nicht, wo es ist und was passiert.

dbna.de: Für Fehlinterpretation könnte auch der Titel des Films „Uncertain“ (zu Deutsch: Ungewiss) sorgen. Bezieht er sich eher auf das Gefühl des Jungen oder darauf, dass du keine bestimmte Antwort auf eine bestimmte Frage geben willst?

Luis Fernando Midence: Es ist beides. Der Name des Jungen im Film ist Anson. Es ist ein britischer Name und er bedeutet auch „ungewiss“. Es geht also um die emotionale Ungewissheit des Kindes ebenso wie um die Story selber. Man weiß nie, was passiert. Und schließlich war auch die große Frage: Das Kind sagte, es habe die Pillen wegen der Dinge genommen, die die anderen zu ihm gesagt haben. Sie waren gemein zu ihm, in dem sie ihm schwule Namen gaben. Aber dann ist Frage: Wie weißt du mit 11 Jahren, ob du schwul bist oder nicht? Das war auch meine große Frage an die beiden Kinder, die Suizid begangen hatten. Sie waren beide erst 11. Wie kann jemand mit 11 Jahren wissen, was seine wirkliche sexuelle Orientierung ist?

Kurzfilm „Uncertain“

(Bild: Screenshot Film „Uncertain“)
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4 Comments
  1. […] Studien belegen ein höheres Suizidrisiko für LGBT-Jugendliche und liefern Gründe dafür. Über die Hälfte homosexueller Jugendlicher hat üble Nachrede und Mobbing Gleichaltriger erlebt. Eine Studie des Niedersächsischen Ministeriums für Frauen, Arbeit und Soziales ergab 2001, wie die HOSI Linz berichtet, dass etwa vier von zehn Befragten berichteten, dass sich Freunde zurückgezogen haben. Ebenso viele sind in der Öffentlichkeit beschimpft worden, knapp ein Drittel in der Schule. Häufig erleben SchülerInnen, dass Lesben und Schwule zu Zielscheiben von Witzen und Verachtung werden, ohne dass Lehrkräfte darauf angemessen reagieren. […]

  2. […] Für Fröwis sei es bedenklich, dass die Diskriminierung von homosexuellen Frauen und Männern häufig bereits im Jugendalter beginne und diese häufig Opfer von Mobbing und Homophobie seien. Studien belegen bekanntlich auch, dass unter homosexuellen Jugendlichen die Suizidrate deutlich höher ist, als unter heterosexuellen Jugendlichen, da ihnen häufig der soziale Rückhalt fehle (thinkoutsideyourbox.net berichtete). […]

  3. […] Studien belegen, dass trotz aller gesellschaftlicher Fortschritte und rechtlicher Errungenschaften unter LGBT-Jugendlichen die Selbstmordrate um ein vielfaches höher ist, als in unter gleichaltrigen heterosexuellen Jugendlichen. Weiters wird in Studien und Untersuchungen häufig mangelder sozialer Rückhalt in diesen Krisensituationen und schwierigen Lebensphasen, wie es das eigene Coming-Out oder das Coming-Out vor FreundInnen, Familie sein kann, als Ursache genannt (thinkoutsideyourbox.net berichtete). […]

  4. […] Damit werden altbekannte Fakten genannt, die zwar teilweise stimmen, jedoch nicht an der sexuellen Orientierung/geschlechtlichen Identität ihre Ursache haben, sondern in mangelnden sozialen und gesellschaftlichen Rückhalt begründet liegen (thinkoutsideyourbox.net berichtete). […]

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