Eurovision Song Contest: Conchita Wurst gewinnt gegenüber Hass und Intoleranz

Was (nicht nur) von ESC-KennerInnen seit Jahren für undenkbar gehalten wurde, hat Conchita Wurst am Samstag Abend geschafft. Die von Tom Neuwirth geschaffene Kunstfigur gewinnt für Österreich den ‚Eurovision Song Contest“, der 2014 in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen ausgetragen wurde. Insgesamt 13 Mal erhielt Österreich die höchste Punktezahl. Mit  diesem Sieg setzt Europa ein klares Zeichen für Toleranz und Akzeptanz.

Wa wurde der ORF und Conchita Wurst 2013 von vielen nach der Verkündung, dass sie Österreich beim „Eurovision Song Contest“ in Dänemark vertreten werden, kritisiert und geschimpft. Die Kritik reichte von – der durchaus berechtigten Kritik – der Entscheidung oder Vorauswahl bis hin zu richtigen Anfeindungen, dass es für Österreich „peinlich sei“, von einer „Witzfiguar, von „einem Homosexuellen“, etc. „vertrten“ zu werden.

13 Mal 12 Punkte für Conchita Wurst und Österreich

Nachdem in den vorigen Jahren Österreich kaum Erfolge beim Eurovision Song Contest verbuchen konnte und die jeweils im Vorentscheid gekürten KandidatInnen keinen Erfolg hatten, bzw. Österreich sich mit den „Trackshittaz“2012  fürchterlich blamierte, war 2014 alles anders.

Galt Conchita Wurst zunächst als Top 10-Kandidatin, stiegen ihre Quoten nach der Qualifikation im ersten Halb-Finale, das Österreich übrigens gewann, stetig und im Laufe des gestrigen Abends, lag Österreich dann auf Platz 1 der Wettquoten. Schließlich sollten die BuchmacherInnen recht behalten.

Conchita Wurst gewann mit insgesamt 290 Punkten vor den MitfavoritInnen aus den Niederlanden (238 Punkten) und Schweden (218). Insgesamt erhielt die österreichische VertreterInnen aus 13 Ländern die höchstmögliche Punktzahl (12), das sind: Belgien, Finnland, Griechenland, Großbritannien, Irland, Israel, Italien, Niederlande, Portugal, Schweden, Schweiz, Slowenien, Spanien.

„In Your Face, Haters“

Am Samstag hat Conchita Wurst auf Facebook verdeutlicht, was ihre Botschaft beim „Eurovision Song Contest“ ist:

Letzter Tag einer fantastischen Reise … Diese Nacht steht für Gleichheit, Liebe und Respekt! Ich danke so sehr für eure Unterstützung! Ich lebe meinen Traum! Danke, Danke! Wir sind nicht zu stoppen!“

Ein genauerer Blick auf die Ergebnisse aus den einzelnen Staaten zeigt, dass häufig das Publikum trotz oder wegen der Polarisierung der Kunstfigur, die zugeschriebene Geschlechterrrollen hinterfragt und aufstoßen möchte, mehr Punkte, als von der Jury bekommen hat.

Aus Deutschland wurde Österreich von der Jury nur auf Platz 11 gereiht, was wohl auch an der Abneigung des deutschen Jury-Mitglieds Sido, der wenig von Conchita Wurst hält, liegt, das TV-Publikum aber Conchita Wurst auf Platz 1 sah. Somit ergab das insgesamt Platz 4 und 7 Punkte.

Im Vorfeld forderte ein russischer Politiker, dass während dem Auftritt von Conchita Wurst die Bildschirme schwarz sein müssen, da es sich um „homosexuelle Propaganda“ und um eine „Beleidigung“ der russischen Bevölkerung handle, wenn hier eine Frau mit Bart auftrete. Kremltreu reihte die Jury Wurst nur auf Platz 11, das russische TV-Publikum dagegen protestierte auch gegen den russischen Präsidenten Vladimir Putin und reihte die österreichische Sängerin auf Platz 3, was den Gesamtrang 6 und 5 Punkte ergab.

Aber auch in anderen Staaten, wo LGBTs massivste Diskriminierung und teilweise auch Kriminalisierungen ausgesetzt sind bzw. davon bedroht sind, konnte Wurst die TV-Publikum überzeugen und korrigierte niedrige Jurybewertungen. In Albanien war Conchita bei der Jury nur auf Platz 24, im TV-Voting Platz 2. Auch Aserbaidschan (24/3), Weißrussland (24/3), Polen (19/4) war das TV-Publikum von der österreichischen Vertreterin begeistert.

Conchita Wurst: „Diese Nacht ist all denen gewidmet, die an Frieden und Freiheit glauben.“

Unmittelbar nachdem der Sieg von Conchita Wurst und alle Ergebnisse eingerechnet wurde, erklärte Conchita Wurst in einem ersten Statement auf der Bühne, was gerade viele LGBTs in Europa in den letzten Tagen während dem ESC gespürt haben:

„Diese Nacht ist all denen gewidmet, die an Frieden und Freiheit glauben.“

Natürlich ist der „Eurovision Song Contest“ „nur“ ein Gesangswettbewerb, doch oder gerade deswegen: Conchita Wurst hat etwas geschafft, wofür „wir“ seit Jahren kämpfen. Mit ihrer Ruhe und Souveränität, mit der sie all den Hetzern entgegen getreten ist und mit Liebe, das Recht auf Selbstbestimmung für JedeN einfordert, forderte sie ein Zeichen für Toleranz und Akzeptanz gegenüber allen Menschen, unabhängig dem Aussehen oder sexuellen Orientierung/geschlechtlichen Identität.

Diese Souveränität strahlte sie bereits kurz nach ihrer Nominierung aus, wo Conchita Wurst mit Liebe auf eine Kampagne gegen Sie reagierte und folgende Beitrag auf ihrer Facebook-Seite postete:

„An all die lieben Menschen da draußen, die mit mir als Person nichts anfangen können und sich bemüßigt fühlen, eigens dafür diversen Facebook-Gruppen beizutreten.

Ehrlich, damit kann ich wirklich gut leben, denn Geschmäcker sind nun mal verschieden. ABER, meine Lieben: Gibt es nicht wichtigere Dinge, in die man derart viel Energie stecken könnte? Nämlich FÜR Menschen zu kämpfen, die täglich diskriminiert werden und nicht dagegen. 

Wie würde es euch gehen, wenn eure Freunde, Verwandten, Kinder, Kollegen usw. auf diese Weise beschimpft werden? Ich bin mir sicher, dass es in eurer näheren Umgebung ebenfalls Menschen gibt, die „anders“ sind. In diesem Sinne kämpfe ich weiterhin GEGEN Diskriminierung und FÜR Toleranz. Denn ich bin davon überzeugt, dass im 21. Jahrhundert wirklich JEDER Mensch das Recht hat, so zu leben, wie er möchte, solange niemand anderer in seiner Freiheit eingeschränkt oder verletzt wird. Und soweit ich weiß, habe ich niemandem weh getan.

XOXO Conchy oh und… i love you all“

Seit vielen Jahren marschieren in ganz Europa jedes Jahr auf’s neue hunderttausende LGBTs und deren UnterstützerInnen für mehr Akzeptanz, Toleranz und die gleichen Rechte auf die Straßen.

Vieles wurde (samt Ehe-Öffnung in einigen Ländern) erreicht, aber Conchita Wurst setzte – gemeinsam mit Millionen TV-ZuseherInnen in Europa, das wohl kräftigste Zeichen seit Jahren für die Freiheit für alle, so leben zu können, wie sie wollen und wie sie sind.

Logischer nächster Schritt: gleiche Rechte für ALLE!

Auch wenn es beim „Eurovision Song Contest“ es sich letztlich „nur“ um eine Musikshow handelt, so hat – ohne Frage – das europäische TV-Publikum ein lautstarkes Zeichen gesetzt, dass alle ihre Träume verwirklichen können. JedeR hat um die Botschaft von Conchita Wurst gewusst – eine Kunstfigur, geschaffen von Tom Neuwirth, um Menschen anzuregen, auch gesellschaftlich konstruierte Rollenzuschreibungen zu hinterfragen und nachzudenken, ob es falsch ist, bestimmten Bevölkerungsgruppen bestimmte Rechte vorzuenthalten, einzig weil sie „anders“ sind.

Die erste Botschaft von Conchita Wurst nach ihrem Sieg war deutlich.

„Ihr wisst, wer ihr seid. Wir sind eine Einheit und unaufhaltbar.“

Noch deutlicher kann mensch nicht aussagen, was das Ziel eines vereinten Europas sein muss, nämlich: alle Menschen, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung/geschlechtlichen Identität haben das Recht auf gleiche Rechte. Der Kampf geht weiter und mit Conchita Wurst hat die LGBT-Community eine Unterstützerin, die Bevölkerungsschichten anspricht und zum Nachdenken anregen kann, die mit CSDs und Demonstrationen nicht erreicht werden können.

Der nächste logische Schritt kann nur einer sein, für ein Europa aller BürgerInnen: Ehe für ALLE!

(Bild: Twitter/ARD-Screenshot)
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1 Comment
  1. […] Als Conchita Wurst im Mai 2014 im dänischen Kopenhagen den Eurovision Song Contest gewann, widmete sie diesen Sieg ihren Fans und allen, die für die gleichen Rechte von LGBTs kämpfen und erklärte als erste Reaktion, dass “wir eine Einheit und nicht aufzuhalten” sind (thinkoutsideyourbox.net berichtete). […]

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