EU-Studie: Fast 50 % aller Lesben, Schwulen und Transgender fühlen sich diskriminiert

Die größte jemals durchgeführte Umfrage zum Thema Hassverbrechen und Diskriminierung gegenüber LGBT-Personen ergab, dass sich zahlreiche Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender-Personen (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender, LGBT) im Alltag nicht zu ihrer Neigung bekennen können. Viele verheimlichen ihre Identität und leben in Isolation oder sogar Angst. Andere erfahren Diskriminierung oder sogar Gewalt, wenn sie sich offen zu ihrer sexuellen Ausrichtung bekennen.

Die Umfrage wurde von der „Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA)“ durchgeführt. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, die Grundrechte von LGBT-Personen zu fördern und zu schützen, damit diese ebenfalls die Möglichkeit haben, ein Leben in Würde zu führen.

Morten Kjaerum, Direktor der FRA:

„Jede Person sollte zu Hause, am Arbeitsplatz, in der Schule und in der Öffentlichkeit einfach sie selbst sein können – vielen LGBT-Personen ist dies jedoch offensichtlich nicht möglich. Die Ergebnisse der FRA-Umfrage zeigen, dass Angst, Isolation und Diskriminierung bei LGBT-Personen in Europa an der Tagesordnung sind. Wir benötigen EUweite Maßnahmen, um Schranken abzubauen, den Hass zu besiegen und eine Gesellschaft zu schaffen, in der jeder seine Rechte uneingeschränkt wahrnehmen kann, unabhängig von der sexuellen Ausrichtung oder Geschlechtsidentität.“

Zu den Schwierigkeiten, mit denen zahlreiche LGBT-Personen zu kämpfen haben, zählen unter anderem:

  • Schule: 2 von 3 an der Umfrage teilnehmenden LGBT-Personen verbargen oder verheimlichten in der Schule ihre sexuelle Ausrichtung. Mindestens 60 % von ihnen wurden in der Schule mit abwertenden Kommentaren bedacht oder begegneten dort negativem Verhalten. Außerdem äußerten mehr als 80 % der UmfrageteilnehmerInnen aus allen EU-Mitgliedstaaten, dass sie sich an negative Äußerungen oder schikanöses Verhalten gegenüber LGBT-Personen während ihrer Schulzeit erinnerten. Daher müssen es sich die Mitgliedstaaten zur Aufgabe machen, LGBTPersonen im Schulalltag ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, da genau dort negative Erfahrungen, Vorurteile und Ausgrenzung beginnen. Mögliche Maßnahmen wären an Lehrkräfte und Schüler gerichtete Kampagnen, die ein stärkeres Bewusstsein für die Situation von LGBTPersonen schaffen, sowie Strategien gegen homophobes Verhalten.
  • Berufsleben: 19 % der TeilnehmerInnen an der Umfrage fühlten sich am Arbeitsplatz oder bei der Stellensuche trotz des durch Unionsrecht garantierten Schutzes diskriminiert. Dies zeigt die Notwendigkeit EU-weiter Maßnahmen zur Bekämpfung der zahlreichen Hindernisse, die LGBTPersonen bei der Wahrnehmung ihrer Grundrechte im Alltag erleben.
  • Angst: 26 % der LGBT-Personen, die an der Umfrage teilnahmen, waren in den vergangenen fünf Jahren tätlich angegriffen worden oder Gewaltandrohungen ausgesetzt. 66 % der Befragten in allen EU-Mitgliedstaaten wagen es nicht, in der Öffentlichkeit die Hand ihres gleichgeschlechtlichen Partners zu halten. Bei homo- und bisexuellen Männern lag der Anteil bei  75 %. Dies zeigt, dass LGBT-Personen, die Opfer von Gewalt oder Bedrohung geworden sind, EU-weit und national Anerkennung und Schutz benötigen, damit wirksam gegen Schikanen und Hassverbrechen vorgegangen werden kann, die für LGBT-Personen häufig ein Leben in Angst bedeuten. Mögliche Maßnahmen wären polizeiliche Schulungen und Hilfsangebote für Opfer sowie Gesetze gegen Hassreden und -verbrechen.

Die Umfrage zeigt auch, dass Transgender-Personen unter den TeilnehmerInnen an der Umfrage am stärksten von Diskriminierung betroffen sind, insbesondere am Arbeitsplatz und bei der medizinischen Versorgung. Etwa 30 % gaben an, dass sie im Jahr vor der Umfrage mehr als drei Mal Opfer von Gewalt oder Gewaltandrohung geworden seien.

Es wurde auch festgestellt, dass Fälle von Diskriminierung und Hassverbrechen nur selten gemeldet werden, und das, obwohl 56 % der UmfrageteilnehmerInnen wissen, dass Diskriminierung aufgrund sexueller Ausrichtung oder Geschlechtsidentität gesetzlich verboten ist. Die Hälfte der Personen, die Opfer von Gewalt oder Bedrohung geworden waren, hatte den Eindruck, von der Polizei keine Hilfe erwarten zu können. Dieses Phänomen ist nicht auf die untersuchte Gruppe der LGBT-Personen beschränkt. Die FRA stellte auch bei anderen Gruppen fest, dass Übergriffe nur selten gemeldet werden, zum Beispiel bei Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Bei der Online-Umfrage wurden LGBT-Personen dazu befragt, ob sie mit Diskriminierung, Gewalt, verbalen Beleidigungen oder Hassreden aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung oder Geschlechtsidentität konfrontiert worden sind. Insgesamt beteiligten 93.000 LGBTs aus der EU und Kroatien. Sie wurden auch gebeten, anzugeben, wo sich solche Vorfälle ereignet hatten, zum Beispiel in der Schule, am Arbeitsplatz, bei der medizinischen Versorgung oder an öffentlichen Orten.

LGBT-Intergroup: EU muss handeln

In einer ersten Reaktion stellt die „Interfraktionelle Arbeitsgruppe im Europäischen Parlament zu LGBT-Rechten (LGBT-Intergroup)“ fest, dass die Ergebnisse dieser großen Umfrage eine klare Handlungsaufforderung an die EU und die Kommission ist, sich verstärkt dem besseren Schutz von LGBTs zu widmen.

Michael Cashman, MEP und Co-Präsident der LGBT-Intergroup:

„Die Umfrage fand heraus, dass 47 % oder fast jedeR Zweite LGBT-Person, sich in den letzten 12 Monaten dafür diskriminiert oder belästigt gefühlt haben, wer sie sind. DAs ist ein klares Signal an die EU und im besonderen an die Mitgliedsstaaten der Europäischen Kommission, viel mehr zu tun, um Diskriminierung und Belästigung zu verbieten.“

Ulrike Lunacek, Co-Präsidentin der LGBT-Intergroup fügt zu Cashman hinzu:

„Es stellt sich heraus, dass lesbische Frauen (55%), Jugendliche zwischen 18 und 24 (57%) und die ärmeren LGBT-Menschen (52%) am ehesten diskriminiert werden. Dies zeigt, dass die Auswirkungen von Diskriminierung und Belästigung für Menschen multipliziert werden, die an den Rand gedrängt werden. Anti-Diskriminierung ist kein elitäres Anliegen, es ist eine entscheidende Grundvoraussetzung für Menschen aus vielen verschiedenen sozialen Gruppen.“

Link: Europäische Grundrechteagentur (FRA)

(Bild: Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA))
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4 Comments
  1. […] 93.000 homo- und bisexuelle sowie transidente Personen (LGBT) in der gesamten Union befragt (thinkoutsideyourbox.net berichtete) und wird die Ergebnisse dieser historisch und weltweit einzigartigen Studie am heutigen […]

  2. Dennis Höfer says

    … würde mich mal interessieren, wie die leben, die sich nicht diskriminiert fühlen! Nicht alles was hier zusammengefasst wird, ist auch wirklich tolerabel. Gegen ein offensichtlich zusammen lebendes Männer- oder Frauenpaar werden die Menschen weniger haben als gegen homosexuelle Mitmenschen, die Sex und Partnerwechsel als Sportart betrachten und das auch noch in aller Öffentlichkeit (Parks, Parkplätze, Strände) ausleben wollen. Wer genau ist gemeint. Ich als offenlebender Schwuler bin auch nicht tolerant gegenüber allem und jeden. Diskriminierung ist was anderes, das ist in jedem Fall abzulehnen.

  3. […] Im Jahr 2013 erhob die “Agentur für Grundrechte (FRA)” in einer europaweiten Studie die Lebensqualität von LGBTI-Personen und zum Ergebnis kam, dass LGBTIs in sämtlichen erhobenen Ländern mit Homo- und Transphobie konfrontiert sind und fast 50 % der Teilnehmerinnen sich diskriminiert fühlen (thinkoutsideyourbox.net berichtete). […]

  4. […] Die schockierenden Ergebnisse einer Erhebung der “Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA)” zeigen, dass LGBTIs in Europa mit Homophobie und Transphobie konfrontiert sind und viele nicht nur mit verbaler, sondern auch Erfahrungen mit körperlicher Gewalt gegen ihre Person aufgrund der sexuellen Orientierung/geschlechtlichen Identität gemacht haben (thinkoutsideyourbox.net berichtete). […]

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