Wenn eine Familie nicht aussehen muss wie eine Familie

Familie ist, wo Kinder sind. Zu diesem Erkenntnis kam – wie von Lesben- und Schwulenverbänden seit langen kundgetan – eine Studie der deutschen Bundesjustizministerin Brigitte Zypries. Im August anerkannte auch die die Berliner Tageszeitung „Morgenpost“ dies und startete mit einer Werbekampagne, wo dieser Tatsache Rechnung getragen wurde. In Berlin hingen im August zahlreiche Plakate auf denen für die Tageszeitung mit dem Slogan „Berlin ist, wenn eine Familie nicht aussehen muss wie eine Familie“. Die Tageszeitung, welche zum Axel Springer Verlag gehört, hinterfragt gekonnt das als normal angesehene „klassische Familienmodell“.

Seit Jahren kämpfen Lesben und Schwule für die rechtliche Gleichstellung und Anerkennung ihres gesellschaftlichen Wertes. Zwar wurde in manchen Ländern die (heterosexuelle) Ehe für Lesben und Schwule samt deren Rechte geöffnet, doch in deutlich mehr Ländern wurden eigene Rechtsinstitute geschaffen. Dieser Umstand macht homosexuelle PartnerInnenschaften zu PartnerInnenschaften zweiter Klasse, da vielfach auch einige Rechte der heterosexuellen Ehe vorbehalten bleiben, so auch in Deutschland und in Österreich.

Lesben und Schwule bekommen ein paar Rechte und einige Pflichten aufgebürdet, sind aber noch immer nicht gleichgestellt. Im Gegenteil, das Gesetz zur Eingetragenen Partnerschaft für Lesben und Schwule ist in Österreich in einigen Bereichen grob diskriminierend und mit Gemeinheiten, welche die ÖVP verbrochen und die SPÖ mitgetragen hat, versehen. So werden Lesben und Schwule nicht als vollwertige Familie angesehen, Kinder dürfen nicht adoptiert werden (nichtmal das Kind des/der Partners/in) oder dürfen Lesben und Schwule keinen gemeinsamen Familiennamen tragen. Denn, so die Argumentation: Homosexuelle Paare können keine Familie sein. Die Berlinger Morgenpost sieht dies anders und warb mit folgendem Sujet:

Bild: © morgenpost.de

Dabei sind sämtliche Argumente, die gegen die völlige rechtliche Gleichstellung sprechen, längst durch Studien und wissenschaftliche Untersuchungen widerlegt:

  • Homo-Ehe gefährdet heterosexuelle Ehe: Widerlegt, denn Statistiken zeigen, dass im Gegenteil weniger heterosexuelle Ehen geschieden werden
  • Gesellschaft für Homo-Ehen nicht bereit: Widerlegt, denn z.B. die österreichische Bevölkerung begrüßt die Gleichstellung mehrheitlich
  • Kinder brauchen Vater und Mutter: Widerlegt, denn Familie ist, wo Kinder sind
  • Kinder können nur in traditionellen Familien “gesund” groß werden: Widerlegt.

In Deutschland ist diese Erkenntnis im Juni des heurigen Jahres auch erstmals bei der konservativen Familienministerin Kristina Schröder  angekommen. In einem Zeitungsinterview meinte sie:

Auch in einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft, in der zwei Menschen ein Leben lang für einander einstehen und sorgen wollen, werden konservative Werte gelebt. (…) Kinder werden auch in homosexuellen Partnerschaften sehr liebevoll und behütet erzogen. Bei der Adoption geht es um das Kindeswohl – um sonst nichts. (…)

Die Imagekampagne des Axel Springer Verlages wurde auch vom LSVD (dem deutschen Lesben- und Schwulenverband Deutschland) mit Wohlwollen wahrgenommen. So heißt es zur Kampagne:

Sie ist Kinder- und familienfreundlich und hat Vorbildcharakter für andere Medien.

Der LSVD macht aber auch deutlich, dass diese Kampagne einen Mehrwert selbst besitzt. Nämlich, dass sie die Gesellschaft aufmerksam macht, PolitikerInnen daran erinnert, dass Lesben und Schwule tagtäglich in Familien leben und für allfällig vorhandene Kinder Sorge tragen:

Neben der längst fälligen gesetzlichen Gleichstellung muss auch die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Familie gefördert werden. Eine liberale, aufmerksame und unvoreingenommene Berichterstattung zum Thema Regenbogenfamilien sowie Kampagnen wie die der Morgenpost leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass Bürgerinnen und Bürger – aber auch Politikerinnen und Politiker – lesbische Mütter, schwule Väter und Regenbogenkinder mit Respekt und Herzlichkeit in ihr Weltbild aufnehmen.

Die Kampage ist ein wichtiges Zeichen für Toleranz und Akzeptanz. Sie ist ein Zeichen, gegen ewiggestrige Kirchenvertreter, die fern jeder Sachlichkeit gegen die Gleichstellung von Lesben und Schwule hetzen und diese wider wissenschaftlicher Fakten als Gefahr für die Gesellschaft darstellen, wie dies erst kürzlich Papst Benedikt XVI in seiner Begrüßungsrede an den neuen deutschen Botschafter im Vatikan in Bezug auf die Gleichstellung von Lesben und Schwulen tat. Auch er sprach Lesben und Schwulen das Recht ab, eine Familie zu sein:

Mit Sorge sieht die Kirche allerdings die wachsende Verdrängung des christlichen Verständnisses von Ehe und Familie aus dem gesellschaftlichen Bewußtsein. Die Ehe entfaltet sich als dauerhafte Liebesverbindung eines Mannes und einer Frau, die immer auch auf die Weitergabe menschlichen Lebens ausgerichtet ist.

Wenn Lesben und Schwule die gleichen Rechte bekommen und heiraten dürfen, zerstören sie in den Augen des Kirchenoberhauptes die Wertvorstellungen der Kirche:

Sie tragen zu einer Aufweichung naturrechtlicher Prinzipien und damit zur Relativierung der gesamten Gesetzgebung, aber auch zu einer Verschwommenheit der Wertvorstellungen in der Gesellschaft bei.

Bleibt zu hoffen, dass noch viele weitere Unternehmen ihre gesellschaftspolitische Verantwortung erkennen werden und zu einer weltoffenen, toleranten Gesellschaft beitragen werden. Damit der gesellschaftliche Druck erhöht werden kann, dass alle Menschen die gleichen Rechte „verdienen“ – unabhängig der sexuellen Orientierung.

(Bild: © morgenpost.de)
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1 Comment
  1. […] So wäre der neuen Staatssekretärin zu empfehlen, bei der (konservativen) deutschen Familienministerin nachzufragen, worum es denn nun eigentlich bei der Adoption wirklich geht. Sie hat die Zeichen der Zeit erkannt und meinte: […]

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