Washington-Tagebuch zur Welt-AIDS-Konferenz: Ein persönlicher Rückblick eines Teilnehmers!

Nachdem ich nun einige Tage wieder zuhause bin, habe ich mich mal daran gesetzt, ein rückwirkendes Tagebuch über meinen Aufenthalt in Washington und die Welt-AIDS-Konferenz zu schreiben. Ich habe mich bewusst möglichst kurz gehalten, damit es weniger zu lesen ist und auch, weil ich mit gewissem zeitlichem Abstand nicht mehr alles im Detail wiedergeben kann. Dazu hätte ich bestimmt auch mehrere Tage schreiben müssen.

Bevor wir aber starten möchte ich euch ein Video ans Herz legen, welches ich gestern hochgeladen habe. Dies beschäftigt sich (im Gegensatz zu dem gleich folgendem Tagebuch) eher mit der emotionalen Ebene und den tiefen Erfahrungen, die ich dort gemacht habe. Dieses Video ist mir sehr wichtig und es wäre toll, wenn ihr euch 13 Minuten Zeit dafür nehmt, damit ich es nicht umsonst gedreht habe.

Samstag/Sonntag – Enttäuschende Demo, Eröffnung Deutscher Stand

Mitten in der Nacht von Samstag auf Sonntag sind wir in Washington angekommen und mussten uns dann noch auf den (langen) Weg zum Hotel machen, welches nicht weit weg vom Walter E. Washington Convention Center lag, in dem die Welt-AIDS-Konferenz statt gefunden hat.

Danach konnte man eigentlich nur noch ins Bett fallen. Acht Stunden Flug sind eben kein Zuckerschlecken, zumal ich mir sicher war, dass die nächsten Tage ziemlich anstrengend werden würden. Kleiner Spoiler: Ich sollte Recht behalten!

Am darauf folgendem Morgen ging es zu einer ersten Demonstration, die sich “Keep The Promise” nannte. Eigentlich angekündigt als riesige Demo am Washington Monument, fiel sie sehr viel kleiner aus als gedacht. Ich würde auf 1.000 Zuschauer tippen, die sich vor der Bühne versammelten und den Rednern zujubelten.

Und diese waren wirklich großartig! Inhaltlich, sowie rhetorisch, konnte ich den Reden viel abgewinnen, sie waren halt nur für 15.000 mehr Menschen geschrieben. Rund herum um das Monument traf man auch auf andere Einzeldemonstraten, die z. B. gegen die Ehe von Homosexuellen waren.

Leider mussten wir frühzeitig aufbrechen, da der Deutsche Stand (von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr) eröffnet wurde. Wie es meistens ist: Wir sind genau dann gegangen, als es richtig gut wurde (Wyclef Jean trat auf).

Was ich nicht wusste: Daniel Bahr wollte den Stand mit mir zusammen eröffnen und ich bin prompt zu spät erschienen, weswegen die Presse 15 Minuten warten musste. Dies war der Grund dafür, dass ich (weil ich mich beeilte, nachdem ich von diesen Plänen erfuhr) total durchgeschwitzt und fertig am Deutschen Stand ankam.

Es ist absolut kein schönes Gefühl, in solch einer unangenehmen Situation von Pressemenschen fotografiert zu werden. Die Bilder habe ich mir übrigens bewusst bis heute nicht angeschaut ;)

Montag – Wiedersehen mit Daniel Bahr im Goethe-Institut und Dreh mit der Deutschen Welle

Der Montag war nicht weniger anstrengend, als der vorige Sonntag. Eher im Gegenteil. Zunächst gab es eine Veranstaltung im Goethe-Institut, bei der ich auf dem Podium gesessen habe und die von Daniel Bahr eröffnet wurde. Er beschrieb eigentlich nur die Deutsche Prävention, welche – neben Kondomverteilung und Aufruf zu Safer Sex – auch Antidiskriminierung von HIV-Positiven als Ziel hat.

Dann warf er noch mit ein paar Zahlen um sich (XXX € investiert Deutschland, Die Neuinfektionen sinken) und das wars dann aber auch schon von seiner Seite. Somit macht er die Bühne für mich und Sushil frei, einem Drogengebraucher aus Nepal, der sich für die Rechte von HIV-Positiven und Drogenabhängigen in seinem Land stark macht.

Sushil und ich berichteten von unserem Leben mit HIV und dem Engagement, welches wir verfolgen und beantworteten im Anschluss daran Fragen aus dem Publikum. Ich kann euch sagen: Damn it! My englisch was not the yellow from the egg! Gar nicht so einfach, wenn man weiß, dass UNAIDS-Mitarbeiter und andere hochrangige Leute einem zuhören.

Während dieser Aktion und auch noch viele Stunden danach im Konferenzgebäude, wurde ich von der Deutschen Welle begleitet, die einen Beitrag mit mir veröffentlicht hat, den ihr hier sehen könnt!

Dienstag – Ich weiss was ich tu + Konferenz-Koller

Gibt es viel über den Dienstag zu berichten? Ich glaube nicht! Da die Tage vorher sehr anstrengend waren, habe ich nicht viel gemacht, außer abends die Deutsche “Ich weiss was ich tu”-Kampagne vorzustellen, welche Prävention für schwule Männer macht.

Dieser Termin war auch der Grund, warum ich eine große Demonstration (mehr als 5.000 Leute) verpasst habe, welche sich für weltweiten Medikamentenzugang einsetzte. Unter dem Link, könnt ihr aber immer noch unterzeichnen (Motto: We can end AIDS!).

Das, was ich ebenfalls am Dienstag hatte, nennt sich wohl Konferenz-Koller! So viele Sprachen, so viele Menschen, so viele Eindrücke. So schnell, so laut, so anstrengend! Manchmal wollte ich die Augen schließen und einfach in Deutschland aufwachen und dann laufen eben tausende Menschen mit Bannern, Trillerpfeifen und lautstarken Forderungen durch Washington und ich denke: Hier bist Du richtig!

Auch wenn Energie fehlt, mobilisier noch mal alles, diese einmalige Event kommt nicht so schnell wieder. Ich war emotional durcheinander, aber auch inspiriert! Hier kümmerte es keinen, ob Du Schwarz oder Weiß, Jung oder Alt, Schwul oder Hetero, Mann oder Frau bist. Es kämpfen alle zusammen. Das war sooooooooo toll!!! Danke, Washington! Danke, Aktivisten!

An den nächsten beiden Tagen (welche auch die letzten waren), habe ich dann endlich die Zeit und Kraft gefunden, die Konferenz auf eigene Faust zu erkunden. Am Donnerstag Abend haben wir zwar noch einmal die “Ich weiss was ich tu”-Kampagne vorgestellt, aber ansonsten hatte ich keine Termine.

Das Konferenzgebäude war riesig und hat sich auf mehrere Etagen aufgeteilt. Ganz oben war eine Halle, in der sich vorwiegend Regierungen und Ministerien der einzelnen Nationen, sowie Pharmaunternehmen vorgestellt haben. Ziemlich spannend zu sehen, welch verschiedene Strategien (oder auch eben keine) die Länder haben.

Im unteren Bereich befand sich das so genannte “Global Village”. Im Gegensatz zur oberen Halle, haben sich hier Nichtregierungs- und Selbsthilfeorganisationen vorgestellt, so auch die Deutsche AIDS-Hilfe, denn im obigen Bereich befand sich “nur” ein Stand der Deutschen Ministerien (Bundesgesundheits- und Entwicklungsministerium).

Hier im Village, gab es auch “Networking Zones” zu verschiedenen Themen, wie z. B. die LGBTI-Zone, die sich um Themen für Homo- und Transsexuelle drehte. Oder die “Western-Europe-Zone”, die “Faith-Zone” (für Gläubige) und die “Positive Action-Zone” in der es um das Leben mit HIV und Aktionen ging, die dieses leichter machen.

Dazwischen gab es verschieden “Session-Räume” in denen Workshops und Diskussionen mit Referenten, Doktoren und Experten aller Art und aus aller Welt zu sehen waren. Ich hatte so wenig Zeit, dass ich nur eine Session besucht habe, die sich mit dem Thema “Kondomgebrauch als Gläubiger Mensch” beschäftigt hat.

Es war super interessant. Moslems, Juden und Katholiken, die sich für Kondomgebrauch, aber auch ganz stark für Gleichberechtigung von Homosexuellen und Frauen aussprachen. Es war schön, mal eine andere Sichtweise, als die der Fantiker, zu sehen.

Am interessantesten war für mich das Global Village, denn die Menschen aus den Nichtregierungsorganisationen wirkten einfach menschlicher und näher am Thema, als viele Regierungsvertreter. Dort habe ich nämlich auch die tollen Menschen, welche ich im obigen Video erwähne, kennen gelernt.

Teilweise war ich auch schockiert, als ich z. B. eine Frau aus Asien fragte, wie die Situation von HIV-Positiven auf diesem Kontinent sei, sagte sie, dass es besser ist als noch vor 20 Jahren. Es würden zwar immer noch HIV-Positive in Gefängnisse gesperrt, aber sie hätten dort mittlerweile gleiche Rechte wie gesunde Menschen… Na dann!

Begeistert haben mich die Afrikaner, die vor allem davon berichteten, dass sie nicht immer die nötigen Medikamente bekommen würden, aber trotzdem einen unglaublichen Lebens- und Kampfeswillen ausstrahlten. Und: Sie haben unglaubliche Shows geliefert. Die Musik wurde aufgedreht, alle haben getanzt, sich vergnügt und eine gute Zeit gehabt. Ich habe es geliebt!!!! Ehrlich!!!

Weiterhin habe ich Kontakte zu Leuten der “Student Global AIDS Campaign” geknüpft, in der sich vor allem junge Leute engagieren. Wer weiß, ob ich daraus was für Deutschland mitnehmen kann, wo nicht so gute Netzwerkverknüpfungen bestehen, was die Arbeit zwischen HIV-Positiven Jugendlichen betrifft.

Ach ja: Vor der Konferenz haben eine Handvoll (ich glaube es waren wirklich nur Fünf) “Homohasser” demonstriert, die u. a. meinten, dass AIDS Schwule heilen würde und die Todesstrafe für Homosexuelle forderten. Lustigerweise kamen in kurzer Zeit mehrere Hundert Gegendemonstranten zum Ort des Geschehens und die Presse feierte den Sieg der “Gayfriendly People”. Das ging wohl nach hinten los.

Freitag – Abreise und ein ungutes Gefühl

Alles in allem war es für mich eine unglaubliche Zeit und wer das Video oben gesehen hat, wird verstehen, warum ich mit einem unguten Gefühl abgereist bin.

Ich möchte 2014 auf jeden Fall zur nächsten Welt-AIDS-Konferenz nach Australien und spare bereits darauf, aber wichtiger ist, dass ich die Leute wieder sehe, die ich zu schätzen gelernt habe und von denen ich nicht weiß, ob sie eine Möglichkeit haben werden nach Melbourne zu kommen.

Im Ernst: Das war die schönste Zeit meines Lebens, ich habe das Gefühl viel gelernt zu haben, gewachsen zu sein und dass ich auch für mein persönliches Leben etwas mitnehmen konnte.

Die Vielfalt, die Unterschiede, die Gemeinsamkeiten, die Emotionen, die Informationen, die tollen Menschen, die Gänsehaut und auch das schöne Wetter in Washington. Alles Dinge, die mir in guter Erinnerung bleiben werden.

Manches, wahrscheinlich weniges, wird man sein Leben lang nicht vergessen. Washington und die Welt-AIDS-Konferenz 2012 werden dazu gehören! Ich bin immer noch aufgewühlt und versuche noch Abstand zu gewinnen und mir nicht alles zu sehr zu Herzen zu nehmen! Es wird besser!

(Gastbeitrag von Der Teilzeitblogger)

(Bilder: Der Teilzeitblogger)
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