TV-Tipp: WARME GEFÜHLE – Vier Liebesgeschichten aus Österreich

„Sie dürfen kein professioneller Homosexueller werden, sondern ein homosexueller Professioneller. Daran habe ich mich mein ganzes Leben lang gehalten.“ Rudi ist 86 Jahre alt und lebt in New York. Er erzählt davon, wie er als 11-Jähriger in Österreich ins Knabeninternat kam und von der dortigen „griechischen Jünglingsroutine“ der Abhärtung. Als er dann in die Vereinigten Staaten auswanderte, begann für ihn ein neues Leben: die Metropole, die Bars in Harlem, die Schwulenbälle. Dort lernte er auch seinen schwarzen Freund kennen, der noch heute mit ihm alte Fotografien betrachtet. Aus einer ersten Nacht sind 40 Jahre geworden.

In WARME GEFÜHLE porträtieren Katharina Miko und Raffael Frick zwei Männer und zwei Frauen, die dem Bild des typisch schwulen Mannes und der typisch lesbischen Frau so gar nicht entsprechen. Im Gegensatz zu Rudi, der als „homosexueller Professioneller“ auf eine Karriere beim ORF zurückblicken kann, sind die anderen drei in Österreich geblieben – was dem heute 66-jährigen Friedemann eine mehrmonatige Gefängnisstrafe, noch vor der Abschaffung des Totalverbots der Homosexualität im Juli 1971, einbrachte. Heute steht der eloquente, ganz in Schwarz gekleidete Mann noch einmal vor dem ehemaligen „Arbeitshaus“, einer dunkelbraun gestrichenen Baracke, die sich seit damals nicht verändert hat. Am Rand eines Getreidefelds raucht er eine Zigarette in der Sonne: „Wenn es nicht so frivol klingen würde, würde ich sagen: Schön ist es da.“

Was diesen Film bemerkenswert macht, ist der Umstand, dass sich Katharina Miko und Raffael Frick dafür entschieden haben, mit älteren Menschen über Homosexualität zu sprechen und sie nach ihren Erfahrungen zu befragen. Historisch begleitet wurde das Filmprojekt von Ines Rieder, die auch die ProtagonistInnen recherchierte. Eine Arbeit, die sich nicht einfach gestaltete, da für Menschen dieser Generation ein „Outing“ keine Selbstverständlichkeit ist. Neben diesen sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen wird somit auch ein Stück Nachkriegsösterreich sichtbar, dessen Konservativismus bis heute nachwirkt. Die nötige Stärke, sich gegen einen restaurativen Gesellschaftsentwurf zu behaupten, wird vor allem an den Frauen deutlich: Die 68-jährige Herta aus dem Wiener Gemeindebau („Homosexualität gab es in den 50er-Jahren nicht. Jedenfalls nicht bei uns in Atzgersdorf“), die noch immer stolz die alten sozialistischen Flaggen präsentiert, entsprach ebenso viele Jahre lang dem gesellschaftlichen Idealbild von Hausfrau und Mutter wie die 75-jährige Hedi, die aus der katholischen Frauenbewegung stammt und die ihren Austritt aus derselben mittels einer Todesanzeige kundtat. In einem Archivausschnitt sieht man sie in einer Fernsehdiskussion mit Kurt Krenn, in der sie auf Reformen bei der Eucharistiefeier drängt – „Wir haben ja schließlich auch das Wahlrecht für die Frauen gekriegt.“

Indem sie mit der Kamera immer nahe an den Porträtierten bleiben und gänzlich auf Fragen aus dem Off sowie auf Kommentare aus deren Freundeskreis verzichten, erreichen Katharina Miko und Raffael Frick eine Nähe und zugleich die notwendige Distanz zu den Frauen und Männern. So bleibt alles, was die vier erzählen, zwar eine subjektive Lebenserfahrung, die jedoch auf viele andere so oder ähnlich zutrifft.

(Michael Pekler)

Trailer „WARME GEFÜHLE – Vier Liebesgeschichten aus Österreich“

WARME GEFÜHLE – Vier Liebesgeschichten aus Österreich
ein Film von Katharina Miko und Raffael Frick
A-2012, 52 min
Co-Produktion von NGF Geyrhalter Film und ORF

Erstausstrahlung am 13. Mai 2012 um 23:00 Uhr auf ORF 2
Links: Geyrhalter Film und tv.ORF.at

(Bild/Video: © NGF Geyrhalterfilm)
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