Schwule, Lesben: Fehlendes gesellschaftspolitisches Verantwortungsbewusstsein?

Teil 2 der Thesen von Marco Schreuder und auch diesmal wird thinkoutsideyourbox.net seinen Senf dazu geben. Diesmal geht es um folgende Frage: „Das Einlullen in ein ‚Ist eh alles in Ordnung“-Gefühl stellt eine Gefahr dar.“ Auch hier möchte thinkoutsideyourbox.net seine Sichtweise darlegen und hofft wieder auf Rückmeldungen. Wieso gerade diese Frage wichtig und interessant ist, sei im folgenden nun näher erläutert.

Die Einleitung soll ein Zitat aus Marcos Ausführungen sein. So schreibt er folgende Zeilen in seinen Ausführungen:

Im Grunde konnte einer unterdrückenden heterosexistischen Mehrheitsgesellschaft nichts Besseres passieren, als ein lesbisch-schwules Netzwerk, das in sich funktioniert. Den Lesben, Schwulen und Transgendern natürlich auch nicht. Ist das ein Agreement? Jeder lebt in seiner Welt und schaut so wenig wie möglich Kontakt zum anderen Ufer zu haben?

Nun ja dies kann so nicht unkommentiert stehen bleiben. Marco hat einerseits Recht. Die Welt wird von Grund auf kategorisiert und eingeteilt. Damit soll der Alltag lebenswert(er) gestaltet werden, die Komplexität genommen werden. Das ist durchaus gut. Es kann niemand behaupten, dass er/sie dies nicht tut.

Auch wenn jemand glaubhaft erläutert, dass er/sie sich nicht in eine Kategorie einordnen lässt, kein Stereotyp für sich gelten lässt, so stimmt dies definitiv nicht. Das tägliche Handeln und Verhalten wird entsprechend bestimmten Normen und Werte gesteuert. Nicht bewusst, sondern viel mehr unbewusst.

Um wirkliche Strukturen aufbrechen zu können, müssen Denkmuster hinterfragt werden. Doch wie schwer dies selbst in der lesBiSchwulen, transidenten Community ist, soll an einem kurzen Beispiel aus der Homosexuellen-Szene erläutert werden. Zur Einfachheit wird nur von Lesben und Schwulen ausgegangen und ein Teil der Diversität ausgegrenzt.

Auf der einen Seite ist die Schwulen-Szene. Auf der anderen Seite die (kleine) Lesben-Szene. Selbst innerhalb dieser homosexuellen Community gibt es eine teilweise radikale Grenzziehung. Immer wieder kursieren in der Szene Gerüchte, dass (homosexuelle) Männer nicht in bestimmte Cafes/Bars für Lesben Einlass erhalten. Mehrmals hat thinkoutsideyourbox.net eine Geschichte gehört, dass selbst einer Lesbe der Zutritt in ein „Lesben-Cafe“ verweigert wurde, weil ihr Hund ein Rüde war. (Ob bzw. was an dieser Geschichte dran ist, entzieht sich dem Wissensstand, doch hat thinkoutsideyourbox.net diese Geschichte schon mehrfach in der Vergangenheit gehört.)

Dieses Beispiel zeigt jedenfalls, dass selbst bereits innerhalb der lesBiSchwulen, transidenten Community ein stark ausgeprägter Ausgrenzungsprozess stattfindet. Mensch bleibt lieber unter sich.

Das Abgrenzen zieht sich aber auch über viele weitere Gebiete, innerhalb der Schwulen-Szene. Je nachdem in welches Lokal jemand geht, wird er/sie entsprechend gewertet und von der Community entweder ausgeschlossen oder aufgenommen.

„Szene-Schwestern“ in eigener Welt?

Erneut muss thinkoutsideyourbox.net die zahlreichen Event-Fotos ansprechen. Ein Blick auf die wöchentlichen Fotos von verschiedenen Events zeigt, dass fast wöchentlich die gleichen Personen auf irgendwelchen Fotos auftauchen. Das möchte thinkoutsideyourbox.net auch gar nicht kritisieren, jedeR soll dort feiern und Party machen können, wo er/sie will. Es gibt mittlerweile zahlreiche Lokale, die spezielle für die homosexuelle Klientel ein Angebot bietet. Das ist auch gut so.

Es ist jedenfalls ein Erfolg der gesellschaftspolitischen Anstrengungen von Lesben, Schwulen und transidenten Personen um Toleranz (und ansatzweise Akzeptanz), dass es in zahlreichen Städten eine lebendige lesBiSchwule Community gibt, die – ohne sich verstecken zu müssen – blüht.

Doch stellt sich ehrlich die Frage, ob sich durch das laufend größer werdende Angebot von Szene-Lokalen, Lesben und Schwule nicht aus der (heterosexuellen) Gesellschaft entfernen?

Diese Frage kann nicht eindeutig beantwortet werden, da sonst zu sehr verallgemeinert werden müsste. Mein subjektiver Eindruck sagt mir aber, dass es durchaus viele Lesben und Schwule gibt, die (fast) ausschließlich in Szene-Lokalen verkehrt. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein. Der Wunsch, sich unter seines-/ihresgleichen zu bewegen? Der Wunsch, einfach ungestört seine Neigung offen zeigen zu können? Der Wunsch, einen passenden Deckel/Topf zu finden?

Offenheit wird jedoch vielfach vermisst. JedeR prädigt Toleranz und Offenheit, doch ist die lesBiSchwule Szene selbst in einigen Bereichen selbst intolerant und wenig offen.

Gesellschaftspolitisches Desinteresse?

Ich nehme an, dass viele sich dieser unbewussten Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft erstens gar nicht bewusst sind oder zweitens diese (bewusst) forcieren. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Schutz für homophoben Pöbeleien, Verkehr unter seines-/ihresgleichen, etc…

Darüberhinaus glaubt thinkoutsideyourbox.net, dass sich die überwiegende Mehrheit der gesellschaftspolitischen Wichtigkeit der Sichtbarkeit von Lesben, Schwulen und Transidenten Personen nicht bewusst ist. Einzig einmal im Jahr bei der alljährlichen Regenbogenparade wird Sichtbarkeit bewusst und provokant gezeigt. Doch das war’s dann. Genau hier besteht dann die Gefahr.

Einmal im Jahr wird einer breiten Öffentlichkeit Homosexualität im Rahmen der Berichterstattung und/oder als ZuschauerIn „vorgeführt“. Da sehen viele Menschen möglicherweise erstmals homosexuelle Menschen. Werden mit Homosexualität konfrontiert. So wichtig das Zeichen des CSD – Toleranz, Akzeptanz, gleiche Rechte auch ist, so irreführend kann es auch sein. Möglich, dass viele Menschen, die erfahrenen Bildern von feiernden Lesben, Schwulen und Transidenten Personen als Grundlage für ihre Meinung und Wertung machen. Dies kann niemanden übel genommen werden, denn es gibt wenige andere Möglichkeiten, Lesben und Schwule als das wahrzunehmen, was sie sind: Oftmals „stink konservative“ Menschen „wie du und ich“.

Dieser politischen Verantwortung sind sich viele – vermutlich aus Desinteresse an Politik im generellen – einfach nicht bewusst, bzw. wollen ihre Verantwortung gar nicht für sich verwerten. Das ist zu akzeptieren, auch wenn es wenig verständlich ist. Warum?

Unwissen der gesellschaftspolitischen Verantwortung

Jahrzehnte haben Lesben, Schwule und transidente Personen für Akzeptanz und ihre Rechte gekämpft. Nun wächst eine neue Generation an homosexuell l(i)ebenden Menschen heran, die Freiheiten haben, die die ältere Generation nicht hatte. Für „jüngere“ Lesben und Schwule sind die möglichen Freiheiten normal und nehmen sie als selbstverständlich an. Diese sind sie nicht. Der Kampf für Toleranz ist weit forgeschritten. Der Kampf für Akzeptanz ist längst nicht gewonnen. Zu groß sind noch immer Vorurteile gegen homosexuell empfindenden Menschen. Und gleiche Rechte? Dieser Kampf steht erst am Ende.

Daher sollten Lesben, Schwule und transidente Personen verstärkt sich ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung bewusst werden und auch in der (heterosexuellen) Mehrheitsgesellschaft als das auftreten, was sie sind: Menschen, die das gleiche Geschlecht lieben und die völlige Gleichstellung einfordern.

(Bild: Flickr – Desirée DelgadoCC-BY-NC-ND)

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2 Comments
  1. Christina says

    Und wieder ein wunderbarer Artikel, Kompliment!
    Und wieder muß ich mich dir großteils anschließen, möchte aber noch etwas ausführen:
    Es ist schön, daß es mittlerweile in einigen Orten („viele“ sinds immer noch nicht) eine „Szene“ gibt. Das gabs zu meiner Jugendzeit nicht, zumindest nix für junge Lesben. Aber von „einer“ Szene kann man sowieso nicht sprechen. Wie du schon sagtest, sind wir Homos auch wirklich gut im Ausgrenzen. Da gibt es die Lesben, die sogar männliche Tiere und Kinder nicht reinlassen – ja, die Geschichten sind großteils wahr. Ich kann als Frau den Bedarf nach Frauenorten verstehen und bin absolut dafür, da zumindest manchmal einfach keine Männer, auch keine Schwulen reinzulassen, aber Tiere, Kinder? Das find ich lächerlich…
    Und die Schwulen sind auch nicht besser, da wird dann halt je nach Fetisch o.ä. ausgegegrenzt. Und was mich persönlich am meisten stört: Daß sowohl auf Lesbenseite mancherorts ein echter Männerhaß verspürbar ist, als auch auf Schwulenseite ein Frauenhaß. Und das entzieht sich meinem Verständnis, denn meines Erachtens sollten wir alle zusammehalten und zusammen für unsere Rechte und Akzeptanz kämpfen. Wenn wir es selber nicht können, wie erreichen wir dann bitte etwas?
    Was das „sich nur in der Szene bewegen“ angeht:
    Ich verstehe es, daß man sich zumindest eine Zeit lang hauptsächlich in der Szene bewegt – vielleicht, weil man jung ist und das grade erst kennengelernt hat (daß es noch mehr Homos gibt auf der Welt), oder weil man auf Partnersuche ist oder was weiß ich. Und wenn man zufällig (!) vor allem dort seine Freunde hat, ist es auch okay. Als ich mal ein paar Jahre in Innsbruck gelebt habe, hab ich mich auch hauptsächlich in der Szene bewegt, weil ich mit dem Hinzug dorthin halt homosexuelle Freunde gefunden hab, die mir wiederum andere vorgestellt haben und es sich einfach so ergab. Und jetzt lebe ich wieder woanders, hier gibts kaum Szene, Linz wär zwar nicht weit, aber es hat sich halt noch nicht so ergeben. Worauf ich hinauswill: Ich finde, man sollte nicht bewußt nach der Sexualität entscheiden. Ich such mir meine Freunde ja nicht nach Sexualität aus, sondern nach Sympathie!
    Außerdem finde ich es immer bedenklich, wenn man sich wirklich komplett selbst ghettoisiert. Die Welt ist schließlich bunt und Heteros udgl gehören halt auch dazu ;o)
    Davon abgesehen, kann man sich sowieso gar nicht „nur“ in der Szene bewegen – man hat seinen Arbeitsplatz, Familie, fährt mit dem Bus oder was weiß ich, man bewegt sich jedenfalls in der Welt. Das kann man doch nicht alles ausblenden, oder?
    Also zusammengefaßt: Ich finde es gut, daß es Szene gibt – sei es zur Partnerfindung oder als geschützten Raum oder was weiß ich – aber es sollte nicht meine ganze Welt nur darauf beschränkt sein. Und wie du eh auch schon schriebst: Sichtbarkeit ist immens wichtig, um in der Gesellschaft akzeptiert zu werden, um endlich mal vom Rand in die Mitte zu kommen. Es ist schön, daß es ausgeflippte Homos auf der Parade gibt, aber es gibt schließlich viele Arten von „uns“ und auch als relativ biederes Lesbenpärchen, um ein Beispiel zu nennen, möchte man mal wahrgenommen bzw. nicht immer unterschlagen werden – wenn es nach den Medien geht, gilt ja zumeist „homosexuell = schwul = bunter Vogel“. Das ist nicht schlimmes, aber eben bei weitem nicht die ganze Bandbreite.
    Und wie du sagst – der Weg zur wirklichen Akzeptanz ist noch ein langer. Sich auf dem auszuruhen, was bisher erreicht wurde, ist einfach nicht genug bzw wäre blauäugig. Leider aber sehen das viele so – nach dem Motto „ich werd ja nicht auf offener Straße verprügelt, also gehts mir eh gut“. Das reicht aber nicht. Aber gut, dieselbe Problematik gibts im Feminismus, da gibts ja auch vielzuviele Frauen, die propagieren, wir hätten schon alles erreicht…

  2. ????? ????????

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