Rot-Grünes Wien fordert: Regenbogenfamilien gleichstellen!

Eine international besetzte Fachkonferenz beschäftigt sich heute, Donnerstag, im Auftrag von Stadträtin Sandra Frauenberger mit dem Thema Regenbogenfamilien. Die Konferenz wird von der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen (WASt) veranstaltet. Regenbogenfamilien sind Familien, in denen zumindest ein Elternteil homosexuell ist. In anderen Ländern wird dieses Thema schon länger diskutiert, in Österreich etabliert es sich mit einiger Verspätung gerade erst im öffentlichen Diskurs. Gesetzlich sind Regenbogenfamilien in Österreich benachteiligt. Die für Antidiskriminierung zuständige Stadträtin Sandra Frauenberger kämpft für die Gleichstellung dieser Familien, denn: „Familie ist, wo Liebe ist!„.

So wie der Begriff Familie heute längst nicht mehr nur Vater-Mutter-Kind-Konstellationen umschreibt, sondern eine bunte Vielfalt an Familienformen, so gibt es auch ganz unterschiedliche Zusammensetzungen von Regenbogenfamilien. Diese reichen von lesbischen oder schwulen AlleinerzieherInnen bis hin zu Familiensystemen mit zwei Müttern und zwei Vätern. In Regenbogenfamilien leben leibliche Kinder einerseits und Pflegekinder andererseits und es gibt ganz unterschiedliche Zugänge, Familie zu planen, zu gründen und zu leben.

„Und all diesen Lebensrealitäten gilt es, rechtliche Rahmenbedingungen ohne Diskriminierungen zu bieten“,

meint die neue Sprecherin der Grünen Wien für Lesben, Schwule und Transgender-Personen, Jennifer Kickert.

Bei gleichgeschlechtlicher Elternschaft handelt es sich um kein neues Thema, denn schon immer gab es homosexuelle Einzelpersonen oder Paare mit Kindern, allerdings stammten diese in der Regel aus einer heterosexuellen Lebensphase der Eltern. Neu ist ein geäußertes und realisiertes Interesse an bewusst gewählter Elternschaft in der gleichgeschlechtlichen Lebensphase.

Genaue Zahlen über Regenbogenfamilien gibt es nicht, für Deutschland aber gibt es Schätzungen von etwa 30.000 Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Lesben und Schwule mit Kindern und mit Kinderwunsch sind in Österreich gerade dabei, Gruppen und Organisationen zu gründen und ihre Anliegen als nicht mehr ignorierbare Fragen der Menschenrechte zu formulieren und öffentlich einzubringen. Immer weniger Lesben und Schwule sind bereit, auf ein Leben mit eigenen Kindern zu verzichten, wie das Generationen homosexueller Menschen bisher tun mussten. Sie planen und leben ganz unterschiedliche Konzepte von Elternschaft. Nach wie vor gilt: Lesben haben es bedeutend einfacher, sich einen Kinderwunsch zu erfüllen als schwule Männer.

Gleichgeschlechtliche Pflegeeltern: In Wien seit über 15 Jahren Realität

In Wien gibt es bereits seit mehr als 15 Jahren gleichgeschlechtliche Pflegeelternpaare. Die Stadt Wien ging mit der Kampagne „Wir bringen das zusammen“ 2007 aktiv auf diese für die Stadt heute sehr wertvolle Pflegeelterngruppe zu. In jedem Grundmodul des Pflegeelternkurses ist mittlerweile mindestens ein gleichgeschlechtliches Paar ganz selbstverständlich mit dabei. Es zeigt sich auch, dass gleichgeschlechtliche Paare gleich gute Pflegeeltern wie verschiedengeschlechtliche Paare sind.

Gesetz zur Eingetragenen Partnerschaft diskriminiert Paare mit Kinderwunsch

Das Gesetz zur Eingetragenen Partnerschaft (EP), das am 1.1.2010 in Kraft trat, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur gesellschaftlichen und rechtlichen Gleichstellung.

„Der Aspekt der Regenbogenfamilien wurde in das Gesetz aber leider nicht sinnvoll integriert. Das Gesetz ignoriert den Kinderwunsch von Schwulen und Lesben ebenso wie die gelebte Lebensrealität der Regenbogenfamilien“,

kritisiert Stadträtin Sandra Frauenberger.

Der Wiener Landtag wird daher im November die Bundesregierung in einem Resolutionsantrag auffordern,

  1. den Zugang zu medizinisch unterstützter Fortpflanzung auch für alleinstehende Frauen und Lesben in Eingetragener PartnerInnenschaft zu ermöglichen.
  2. die gemeinsame Adoption und Stiefkindadoption für Eingetragene PartnerInnen zu ermöglichen.
  3. Die Kategorie „Nachname“ für Eingetragene PartnerInnen im Namensrecht abzuschaffen.
  4. Die Ehe zu reformieren und auch für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen.

Gleichgeschlechtlich Liebenden wird Fähigkeit zur Elternschaft abgesprochen

Regenbogenfamilien sind in allen europäischen Ländern längst gelebte Realität.

„Die Gesellschaft ist aber heteronormativ geprägt. Immer noch begegnen viele Menschen gleichgeschlechtlich liebenden Paaren mit Vorurteilen oder Ablehnung. Ihnen wird oft die Fähigkeit zur Elternschaft abgesprochen“,

erklärt Mag. Wolfgang Wilhelm von der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen (WASt). Diese Fehleinschätzung mache auch vor MitarbeiterInnen in pädagogischen, psychosozialen oder betreuenden Einrichtungen nicht Halt. Wilhelm weiter:

„Mangels flächendeckender Aus- und Fortbildung gibt es auch bei MitarbeiterInnen von Ämtern, Vereinen und Behörden oft Vorbehalte gegenüber Regenbogenfamilien.“

Das Kindeswohl im Spiegel der Wissenschaft

Dass alle Vorbehalte unbegründet sind, bestätigen mittlerweile eine ganze Reihe von internationalen Studien über gleichgeschlechtliche Elternschaft und über Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Familien aufwachsen. Es gilt als empirisch abgesichert, dass Kinder in Regenbogenfamilien gleich gut aufwachsen wie Kinder in anderen Familien.

Entscheidend für die Entwicklung der Kinder ist laut zahlreichen Studienergebnissen nicht die Struktur der Familie, sondern die Qualität der innerfamiliären Beziehungen. Für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist somit nicht die Familienkonstellation bedeutsam, sondern die Beziehungsqualität in der Familie.

Univ.-Prof. Dr. Udo Rauchfleisch, Baseler Psychologe und Psychoanalytiker, kommt zum Schluss,

„dass die Befürchtung, Kinder lesbischer und schwuler Eltern (…) könnten in intellektueller, emotionaler oder sozialer Hinsicht negative Entwicklungen durchlaufen, völlig unberechtigt sind. Diese Kinder entwickeln sich vielmehr so wie vergleichbare Kinder aus heterosexuellen Familien. In Bezug auf die Empathie gegenüber anderen Menschen und Gleichberechtigung in der Partnerschaft lassen sie sogar eine größere Sensibilität erkennen. „

Zeitmarken der österreichischen „Gleichstellungsgeschichte“

Die Schwulen- und Lesbenbewegung in Österreich hatte auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin unter dem Totalverbot der Homosexualität zu leiden, das erst 1971 aufgehoben wurde. Zwischen 1971 und 2001 gab es jedoch neue diskriminierende Sonderstrafgesetze. In den 1980er Jahren folgte die Aids-Krise, die die Notwendigkeit der Absicherung von Partnerschaften verdeutlichte. Mit der Aufhebung des § 209 StGB im Jahr 2002 war der letzte Stein aus dem Weg geräumt, die Marschrichtung der Community ging nun eindeutig in Richtung Partnerschaftsregelung. Seit 2010 nun gibt es die EP, die viele Bereiche abdeckt, das Thema Regenbogenfamilien aber leider nicht.

Die Ziele der Fachkonferenz

Die heutige Fachkonferenz (thinkoutsideyourbox.net berichtete) beleuchtet das Thema Regenbogenfamilie aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Sie stellt bewusst das Kindeswohl und Bedingungen für eine gelingende Erziehung an den Anfang des Vortragsvormittags und präsentiert aktuelle Studienergebnisse über Kinder in Regenbogenfamilien. Sie geht der Frage nach, in wie weit das Thema Regenbogenfamilie ein Modetrend ist, welche rechtlichen Regelungen es gibt und braucht und verortet das Thema in einem historischen Bezugsrahmen zu den Themen der Schwulen- und Lesbenbewegung des 20. Jahrhunderts. Workshops für Lesben, Schwule und Transgenderpersonen sowie Workshops, die sich an LeiterInnen und an MitarbeiterInnen pädagogischer Einrichtungen sowie an andere ExpertInnen wenden, vertiefen zahlreiche relevante Themenaspekte.

Die Konferenz richtet sich an Führungskräfte und MitarbeiterInnen im pädagogischen und psychosozialen Feld ebenso wie an Lesben, Schwule und Transgenderpersonen. „Wir wollen zum einen für dieses Thema sensibilisieren und dazu beitragen, dass Regenbogenfamilien und ihre Kinder wahrgenommen und respektvoll behandelt werden. Uns ist es ein Anliegen, dass sie in ihrer individuellen Besonderheit wertgeschätzt und in einem guten Zusammenspiel aus Familie und pädagogischem System gefördert werden, wie alle anderen Kinder auch“, betont Wolfgang Wilhelm.

(Bild: thinkoutsideyourbox.net)
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5 Kommentare

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  1. Umfrage: SoHo feiert Akzeptanz von Lesben und Schwulen in der SPÖ Salzburg | thinkoutsideyourbox.net 22 November, 2011 at 16:51

    […] Auch hinsichtlich der Frage, ob das Standesamt jener Ort sein solle, wo die Eingetragene Partnerschaft geschlossen werden sollte, wird mit großer Mehrheit unterstützt. Demnach sind 9 von 10 der Meinung, dass auch Lesben und Schwule in jeder Gemeinde am Standesamt “heiraten” sollen dürfen. In vielen Gemeinden wird Lesben und Schwulen das Standesamt aktuell verwehrt. Salzburg oder auch Wien bilden hier eine der wenigen löblichen Ausnahmen. Das rot-grün regierte Wien wird nun auch einen Resolutionsantrag an die Bundesregierung stellen, die Diskriminierung von Lesben und Schwulen zu beenden (thinkoutsideyourbox.net berichtete). […]

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