Neue Plakatkampagne gegen Homophobie: Gül ist lesbisch – Hassan ist schwul

Heute, am 8. Mai 2012 startet in der deutschen Hauptstadt Berlin eine große Kampagne gegen Homophobie und für Akzeptanz von Lesben, Schwulen und Transgender-Personen. Diese Akzeptanzkampagne ist nicht die erste ihrer Art. Bereits 2009 fand in Berlin eine groß angelegte und in mehreren Sprache durchgeführte Plakatkampagne gegen Homophobie statt (thinkoutsideyourbox.net berichtete). Die Akzeptanzkampagne wird diesmal von der „Wall AG“ unterstützt und erfolgt auf Initiative des Berliner „Bündnisses gegen Homophobie“, dem sich zahlreiche Organisationen, Vereine und Unternehmen angeschlossen haben.

Die Plakate dieser großangelegten Kampagne werden bis zum Sommer in ganz Berlin zu sehen sein. Insgesamt werden die Sujets auf über 1.000 Plakatflächen plakatiert werden. Die Kampagne wurde heute am Potsdamer Platz im Herzen Berlins von der Staatssekretärin Barbara Loth, der Leiterin der Unternehmenskommunikation der „Wall AG“ Frauke Bank und dem Geschäftsführer des LSVD Berlin-Brandenburg Jörg Steinern der Presse und der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Kampagne wird von insgesamt 40 Berliner Unternehmen und Organisationen getragen.

Anlässlich der Kampagnenpräsentation erklärte Jörg Steinert, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) Berlin-Brandenburg:

„Jede Frau und jeder Mann haben das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Ob die Person Hassan oder Thomas heißt, darf dabei keine Rolle spielen. Und unabhängig davon, ob Gül ein Kopftuch trägt oder nicht, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung darf ihr niemand nehmen.“

Das sind die Sujets der gelungenen Akzeptanzkampagne:

61 % der deutschen Jugendlichen lehnen Homosexualität ab

Eine Studie (pdf) des Münchner Meinungsforschungsinstitutes “iconkids&youth” aus dem Jahr 2002 hat aufgezeigt, dass deutsche Jugendliche massive Vorbehalte gegenüber homosexuellen Menschen haben. Besonders Burschen haben eine negative Einstellung zu “Schwulen”, nämlich 71 % der Befragten. Mädchen sind etwas toleranter, doch auch hier hat eine Mehrheit eine ablehnende Haltung (51 %). Im Vergleich zu den Daten aus dem Jahr 1998 zeigt sich ein negativer Trend. Damals hatte nur 1/3 der Jugendlichen Vorbehalte gegenüber Schwule und Lesben.

Wie wichtig es ist, Menschen und insebsondere Jugendliche über Homosexualität aufzuklären, um Schwule und Lesben vor Vorurteilen und Homophobie zu schützen, zeigte unter anderem eine Studie vom Österreichischen Institut für Familienforschung und der der Universität Wien. So berichten (pdf) 17 % der Untersuchten über einen Suizidversuch nachgedacht und 5 % diesen ausgeführt zu haben, aufgrund der Tatsache, dass sie “wegen der Homosexualität in der Schule so viel mitgemacht haben”.

Jugendliche mit Migrationshintergrund mehrheitlich homophob

Ähnliche Ergebnisse liefert eine Studie des deutschen Bundesfamilienministeriums und des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg zu Homophobie unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus dem Jahr 2007 bei der 1.000 Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren interviewt wurden (via). So finden es 3/4 der Jugendlichen aus Einwandererfamilien “abstoßend”, wenn sich Schwule und Lesben öffentlich küssen und 2/3 finden, dass die Eltern versagt haben, wenn eines ihrer Kinder homosexuell ist.  Zum Vergleich: Bei den männlichen Jugendlichen ohne Migrationshintergrund findet die Hälfte die Vorstellung küssender Männer „abstoßend“, und ein Viertel sieht die Schuld bei den Eltern. Erschreckend ist, dass 26 % der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund die Forderung äußerten, wonach Schwule und Lesben nicht die gleichen Rechte erhalten sollten.

Zahlen immer noch aktuell und alarmierend

Dass diese Zahlen nichts an ihrer Aktualität verloren haben, zeigen auch jüngere Studien. So veröffentlichte 2010 das „Gay, Lesbian and Straigt Education Network” (GLSEN) einen Bericht aus einer Studie über das Klima in US-Grundschulen (thinkoustsideyourbox.net berichtete). Resümee dieser Studie war, dass Homophobie bereits in der Grundschule beginnt und Sätze wie “das ist so schwul”, das häufigste aller Anti-Homosexuellen Schimpfwörter sind, die gegen die Identität und Ausrichtung des Geschlechts abzielen. “Wörter wie “Tunte”,”Schwuchtel”, “Arschficker”” und “Lesbe” sind die Waffen für die Kinder, die ihre Altersgenossen verletzen wollen.

Wie kritisch die Situation mittlerweile wieder geworden ist, zeigen 2 deutsche Reportagen aus dem Jahr 2009. Die erkämpften Rechte und der erkämpfte (öffentliche) Raum geraten in Gefahr. Mensch sollte meinen, dass jüngere Generationen aufgeschlossener sind, doch leider herrscht gerade unter Jugendlichen eine intolerante und oftmals offen homophobe Stimmung – vielfach wohl auch aus reiner Unwissenheit, weil einfach viel zu wenig Aufklärungsarbeit an Schulen geleistet wird.

3Sat-Reportage aus dem Jahr 2009: “Homophobie unter Jugendlichen” (YouTube)

Das zweite Video stammt vom deutschen Verein „dnba – Du bist nicht allein“. Im Video wurden die Reaktionen der Essener Bevölkerung auf ein schwules, küssendes Pärchen in der FuZo auf die Probe gestellt.

dnba-Reportage aus dem Jahr 2009: “Schwule Küsse in der Öffentlichkeit”

 1/3 der Erwachsenen sehen ein “moralisches Problem”

Doch nicht nur Jugendliche haben häufig Vorurteile und sind gegenüber Homosexuellen intolerant. So ergab der Gallup Koexistenz-Index 2009, dass 1/3 der deutschen BürgerInnen in Homosexualität ein “moralisches Problem” sehen (via). Wird der Blick auf BürgerInnen islamischen Glaubens geworfen, fällt dieser Wert noch viel höher aus. 81 % haben ein Bedenken bezüglich Homosexualität geäußert.

Es ist leider noch immer ein weiter Weg, bis Lesben, Schwule und Transgender-Personen als völlig normal in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden…

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