NACHGEFRAGT bei Erik Pfefferkorn, Aidshilfe OÖ

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Erik Pfefferkorn/AIDSHILFE OÖ

Der LIFE BALL und LIFE+ hat 2017 sein Augenmerk u.a. wieder mehr auf den Gesundheitsbereich gelegt und „barrierefreie“ HIV Tests in den Vordergrund gestellt. Uns hat interessiert, wie sich das auf die regionalen Aidshilfen auswirkt, was hier getan wird und ob sich was ge- bzw. verändert hat. Dazu durften wir mit Mag. Erik Pfefferkorn von der AIDSHILFE OBERÖSTERREICH sprechen, der seit 1997 im Bereich Prävention & Szeneprävention tätig ist.

thinkoutsideyourbox: Am 10. Juni findet nach einem Jahr Pause wieder der LIFE BALL statt. Die wichtigste Botschaft „Know your Status“ wird medial enorm transportiert. Wie macht sich das für die Aidshilfen in den Bundesländern bemerkbar? Spürt ihr einen merkbaren Anstieg an Testungen?

Erik Pfefferkorn: Von einem merkbaren Anstieg würde ich noch nicht sprechen. Wir rechnen jedoch – auch aufgrund der medialen Präsenz des Themas – mit steigenden Testzahlen in den kommenden Tagen.

Kampagne AIDSHILFE OÖ

thinkoutsideyourbox: Die AIDSHILFE OBERÖSTERREICH ist mit „Check It“ eine ähnliche Kampagne gefahren. Warum ist es so wichtig, eine HIV Infektion möglichst früh zu erkennen?

Erik Pfefferkorn: Die Testkampagne #checkit läuft ja noch und richtet sich primär an schwule und bisexuelle Männer. Die frühzeitige Diagnose einer HIV-Infektion führt zu einer verbesserten Behandelbarkeit von HIV, einer längeren Lebenserwartung, einem Erhalt der Lebensqualität und einer Verringerung der Infektiosität. Diese Vorteile einer frühzeitigen HIV-Diagnose gilt es verstärkt zu kommunizieren.

thinkoutsideyourbox: Die AIDSHILFE OBERÖSTERREICH ist ja vor kurzem erstmals zu einem öffentlichen Event gefahren und hat Vor-Ort-Testungen durchgeführt. Wie ist diese Aktion angekommen? Ist es sinnvoll, auf die Leute aktiv zuzugehen? Werden diese Aktionen zukünftig öfter stattfinden?

Erik Pfefferkorn: Ja, wir haben im Mai beim Gaytic-Queer Clubbing erstmals in Oberösterreich eine Vor-Ort-Testung auf HIV und Syphilis in einem Bus angeboten. Die Aktion wurde sehr gut angenommen. In der Zeit von 23.00 bis 1.15 Uhr ließen sich 18 Personen auf HIV & Syphilis testen.
Dass es sinnvoll ist, aktiv auf Personen zuzugehen, ist unbestritten und ein wesentlicher Bestandteil der Präventionstätigkeit der Aidshilfen. So gesehen macht eine mobile Vor-Ort-Testung Sinn. Dies hat sich auch beim erfolgreichen Einsatz beim Gaytic gezeigt.
Die Vor-Ort-Testung ist aufgrund der Unterstützung vom LIFE BALL zustande gekommen. Eine derartige Aktion bindet halt schon Ressourcen, was bei einem kleinen Verein, wie der AIDSHILFE OBERÖSTERREICH, mitbedacht werden muss. Ob und wann eine derartige Vor-Ort-Testaktion wieder stattfinden wird, kann ich zurzeit nicht sagen. Aber ich bin zuversichtlich und werde euch auf dem Laufenden halten!

thinkoutsideyourbox: In den letzten Tagen werden laufend Medienberichte über den gravierenden Anstieg von Hepatitis in Österreich veröffentlicht. Wie infiziert man sich damit? Woran liegt es, dass die Leute so „kondommüde“ werden?

Erik Pfefferkorn: Meinst Du die jüngsten Meldungen über den Anstieg der Hepatitis A-Infektionen? Hepatitis A wird fäkal-oral übertragen, also beispielsweise durch oral-anale Praktiken (Polecken) oder verunreinigte Lebensmittel. Besten Schutz vor einer Hepatitis A-Infektion bietet eine Impfung.
Steigende HIV-Neuinfektionen und Infektionen mit sexuell übertragbaren Infektionen, speziell unter MSM (Männer, die Sex mit Männern haben), weisen jedoch darauf hin, dass immer weniger zu Kondomen gegriffen wird. Die Gründe für diese „Kondommüdigkeit“ sind vermutlich unterschiedlich und vielseitig.
So hat sich HIV/AIDS von einer tödlichen Erkrankung zu einer chronischen Infektion entwickelt. Dies mag zu einer Verharmlosung dieser schweren chronischen Infektion geführt haben. Zum anderen wird HIV/AIDS nicht mehr die mediale Aufmerksamkeit entgegengebracht. Und wird von einer Sache nicht mehr oder nur noch wenig berichtet, so verschwindet diese auch immer mehr aus dem Bewusstsein. Hier unterstützen Großveranstaltung, wie der LIFE BALL, die Präventionstätigkeit, weil so das Thema von den Medien verstärkt aufgegriffen wird.

thinkoutsideyourbox: In Wien kennt den LIFE BALL jeder. Wenigstens einmal im Jahr wird das Thema öffentlich. Welche Herausforderungen gibt es am Land? Ist es nicht schwierig, Hausärzte in kleinen Gemeinden zu erreichen? Glaubst du, dass es hier Ausbildungsdefizite gibt?

Erik Pfefferkorn: Ob es Ausbildungsdefizite im Rahmen des Medizinstudiums hinsichtlich HIV gibt, möchte und kann ich an dieser Stelle nicht kommentieren. Dass es Informationsbedarf zu HIV im medizinischen Bereich gibt, kann ich jedoch bestätigen. HIV-positive Menschen berichten häufig über Diskriminierung im medizinischen Bereich. Auch ist das Wissen hinsichtlich der Symptome einer akuten, also frischen, HIV-Infektion oder der Möglichkeit einer PEP (Post-Expositions-Prophylaxe: Notfallmaßnahmen nach einem Infektionsrisiko) bei manchen MedizinerInnen vermutlich verbesserungsfähig.
Die AIDSHILFE OBERÖSTERREICH hat in der Vergangenheit bereits versucht, Hausärzte über wichtige HIV spezifische Themen, wie beispielsweise die erwähnte akute HIV-Infektion, auch mit Unterstützung der Ärztekammer OÖ, zu informieren. Hier gilt es weiterhin Impulse zu setzen.

thinkoutsideyourbox: HIV und AIDS ist gut behandelbar. HIV-Fachärzte und Ambulanzen sind gut aufgestellt. Braucht es da noch die Aidshilfen? Wie hat sich eure Arbeit in den letzten Jahren verändert?

Erik Pfefferkorn: Basisaufgaben der Aidshilfen sind die psychologische und soziale Betreuung von Betroffenen sowie die Prävention. Diese Basisaufgaben können von BehandlerInnen aufgrund fehlender Ressourcen und Kompetenz nicht übernommen werden. Auch wird das Angebot der kostenlosen, anonymen und niederschwelligen Testung und Beratung der Aidshilfen von vielen Menschen sehr geschätzt. Im Bereich des Testangebots ist es in den vergangenen Jahren ständig zu einer Erweiterung gekommen. Anfänglich wurde ja nur auf HIV getestet. Mittlerweile testet die AIDSHILFE OBERÖSTERREICH auch auf Hepatitis B&C sowie Syphilis.
Im Bereich der Betreuung von HIV-positiven Menschen haben sich ebenfalls Themenschwerpunkte und Klientel geändert. Früher stand oft die Sterbebegleitung im Mittelpunkt. Aufgrund der verbesserten Behandelbarkeit der Infektion sind heute Fragen des Alterns mit HIV, des betreuten Wohnens oder der Unterstützung bei der Arbeitssuche im Fokus. Auch werden verstärkt Personen aus Hochprävalenzländern mit all den dazugehörigen Problemen des Aufenthalts und der medizinischen Versorgung unterstützt.

thinkoutsideyourbox: Ständig kommen irgendwelche Meldungen über den Durchbruch zur Heilung. Bisher alles erfolglos. Wagst du eine Prognose, wie lange eine Heilung noch auf sich warten lässt?

Erik Pfefferkorn: Ich habe jüngst eine Pressemeldung von der AIDS-Gala bei den Filmfestspielen von Cannes gelesen, in welcher der amfAR-Präsident (The foundation for AIDS Research) Kenneth Cole sagt: „Unser Ziel ist ein Heilmittel bis 2020.“ Ich bin da eher skeptisch. Auch stellt sich die Frage, ab wann von einer Heilung gesprochen wird.
Wird von einer Heilung gesprochen, wenn man nach Absetzen der antiretroviralen Therapie (ART) praktisch virusfrei bleibt, obwohl das Virus nicht vollständig aus dem Körper eliminiert ist (= funktionelle Heilung)? Oder wird erst dann von Heilung gesprochen, wenn sämtliche HI-Viren im Körper eliminiert wurden?
Persönlich hoffe und erwarte ich, dass innerhalb der nächsten 10 Jahre von Heilung gesprochen werden kann.

thinkoutsideyourbox: Wie sieht das Angebot der AIDSHILFE OBERÖSTERREICH aus? Welche Testungen bietet ihr an und an welchen Tagen? Welche Kosten fallen für den Klienten an?

Erik Pfefferkorn: Die drei wesentlichen Bestandteile der Arbeit der AIDSHILFE OBERÖSTERREICH sind Prävention, psychologische und sozialarbeiterische Beratung und Betreuung von Betroffenen und Angehörigen sowie die kostenlose und anonyme Testung. Bei uns kann man sich kostenlos und anonym auf HIV, Hepatitis B&C sowie Syphilis testen lassen. Es fallen also keine Kosten an. Außer man möchte einen HIV-Schnelltest machen. Der kostet € 30. Testen lassen kann man sich am Montag, 14-17 Uhr, Mittwoch, 16-19 Uhr, und Freitag, 11-14 Uhr.

thinkoutsideyourbox: Danke für das Interview!

Kontakt:
AIDSHILFE OBERÖSTERREICH
LENTIA City, Blütenstraße 15/2, 4040 Linz
Tel.: +43 732 2170
Fax: +43 732 2170-20
E-Mail: office@aidshilfe-ooe.at
www.aidshilfe-ooe.at

LESETIPP: LIFE BALL 2017: RECOGNIZE THE DANGER & KNOW YOUR STATUS

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