Mama-Papa, Mama-Mama, Papa-Papa – ja, wirklich egal.

Bei der Debatte um die Öffnung des zivilrechtlichen Institutes der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und der Anerkennung von Regenbogenfamilien samt dem zustehenden Rechten wie Adoptionsrecht werden immer und immer wieder die gleichen ‚Argumente‘ von GleichstellungsgegnerInnen ausgeführt, von ‚die Natur hat es nicht so vorgesehen‘, ‚Entwertung der Familie aus Vater-Mutter-Kind(er)‘ oder ‚Entwertung der heterosexuellen Ehe‘. Einen sehr gelungenen Beitrag hat das queer, feministische Blog ‚sugarbox.at‚ dazu verfasst, der als Gastbeitrag veröffentlicht werden kann:

„Ist es wirklich egal, in welchen elterlichen Konstellationen Kinder heranwachsen, fragte Hans Winkler vor Kurzem in der Presse, und gibt gleich selbst die wenig überraschende Antwort, dass es das natürlich nicht ist. Kinder sollen bei Mutter und Vater aufwachsen und die Homo-Ehe sei ein “Prestigeobjekt der Linken”, bei dem es einer kleinen Minderheit erfolgreich gelungen wäre, ihr “beschränktes Interesse zu einem zentralen Projekt der Moderne werden zu lassen” und den Zeitgeist zu diktieren. Als metaphorischer letzter Tropfen hat mich dieser Artikel nun dazu bewegt, eine umfassende Replik zu den immer wieder vorgebrachten Vorwürfen zu schreiben, und einige Punkte hoffentlich endgültig klarzustellen.

1. Unterstützer der Homo-Ehe zielen darauf ab, die Institution der Ehe zu untergraben bzw. die traditionelle Kernfamilie (Vater-Mutter-Kinder) als unattraktiv darzustellen. Regenbogen- bzw. Patchworkfamilien gelten als “in”, während die traditionelle Kernfamilie als reaktionäres Auslaufmodell geschmäht wird.

So oder so ähnlich lautet einer der am häufigsten vorgebrachten Vorwürfe und da dieser meiner Ansicht nach an Lächerlichkeit kaum zu überbieten ist, beginne ich gleich mal damit. Ein paar Klarstellungen: Die Eheöffnung (das Wort “Homo-Ehe” können wir am besten gleich wieder vergessen, denn schließlich esse ich zum Frühstück auch keine “Homo-Cornflakes” oder fahre mit meinem “Homo-Rad” in die Arbeit) hat weder mit der Herabwürdigung der “traditionellen Familie” zu tun, noch geht es darum, dass homosexuell zu sein cooler ist oder sein soll als heterosexuell. Die Eheöffnung ist kein geheimer Plan der lesbisch-schwulen Weltverschwörung, heterosexuelle Beziehungen und Familien zu zerstören, sondern fußt in Wahrheit auf völlig konservativen Idealen von gegenseitiger Verantwortung und familiären Werten. Ich habe noch nie begriffen, wieso sich gerade konservative Menschen so verbissen gegen die Eheöffnung wehren, wenn diese doch als rechtliche Absicherung eines vollkommen konservativen Lebensplans gedacht ist. Denn nicht mehr als das wollen queere Paare: Füreinander im rechtlich abgesicherten Rahmen einer Ehe gegenseitige Verantwortung eingehen, sowie einen sicheren Raum für die eigene Familie zu schaffen. Regenbogen- oder Patchworkfamilien sind weder “cooler” noch “weniger cool” als “traditionelle” Familien, und wer in diese Richtung denkt hat nichts begriffen. Die ganze Idee, dass eine sexuelle Orientierung besser oder schlechter ist als die andere, ist ja schon von Grund auf falsch, und ich habe noch NIE jemanden gehört, der/die dies behauptet hätte. Daher: Keine Sorge. Die Eheöffnung nimmt niemandem etwas weg und alle sind gleich gut und gleich viel wert. Heterosexuelle können weiterhin ihr Hetero-Ehen schließen und werden dadurch weder langweilig noch uncool.

(Der Vorwurf, Homo- oder Bisexualität als völlig gleichwertige Option neben Heterosexualität darzustellen würde insgeheim darauf abziehlen, diese als irgendwie besser, cooler, sonstwas zu propagieren, wurde ja auch im Zusammenhang mit der neuen Aufklärungsbroschüre geäußert, und ist dort natürlich ebenso unsinnig. Nochmal: Keine sexuelle Orientierung ist besser oder schlechter als eine andere, und es geht auch hier nicht darum, Kinder homosexuell umzupolen, sondern homo- und bisexuellen Kindern zu vermitteln, dass sie in Ordnung sind so wie sie sind, und heterosexuellen Kinder andere Lebensweisen nahezubringen um Homophobie vorzubeugen. Das war’s. Und selbst wenn eine Handvoll Kinder durch diese Broschüre vielleicht doch experimentierfreudiger werden, sehe ich das als kein Problem sondern eher als Gewinn. Dinge auszuprobieren und mehr über sich selbst erfahren zu wollen halte ich immer für eine gute Sache und ich vertraue darauf, dass diese Kinder schon rausfinden werden, was sie am glücklichsten macht. Angst vor einem Anstieg nicht-heterosexuellen Verhaltens kann ja nur jemand haben, der andere Sexualitäten als weniger wünschenswert weil irgendwie problematisch hält. In Wahrheit gibt’s nämlich nichts zu befürchten. Und selbst wenn etwas mehr Menschen homo- oder bisexuelle Lebensweisen für sich entdecken würden, würde deswegen die Menscheit nicht aussterben. Überhaupt halte ich diese spezielle Sorge angesichts knapp 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten für, gelinde gesagt, äußerst lächerlich. Unterbevölkerung ist, so glaube ich, derzeit der Menschheit so ziemlich letzte Sorge. Aber zurück zum eigentlichen Thema.)

2. Kinder brauchen einen Vater und eine Mutter.

Dieses Argument bewegt sich gerne irgendwo zwischen Pseudowissenschaft und vermeintlichem Hausverstand. Wenn nicht gerade Studien zitiert werden, die beweisen sollen, dass Kinder von alleinerziehenden oder homosexuellen Eltern schwere Defizite aufweisen, wird von Geschlechterrollen schwadroniert und darauf bestanden, dass Kinder nun mal “beides” brauchen (Hans Winkler spricht in seinem Artikel vom “Spannungsverhältnis” zwischen Frau und Mann als notwendige Basis der sexuellen und kulturellen Identität des Kindes). Dass seriöse Studien bereits belegt haben, dass es Kindern aus Regenbogenfamilien an nichts fehlt, kann jedermensch gerne nachlesen. Aber ich möchte noch etwas genauer auf die meiner Ansicht nach fehlerhafte Grundannahme hinter diesem “beides”, das Kinder angeblich brauchen, eingehen:

Die Idee, dass Kinder auf jeden Fall sowohl einen Vater als auch eine Mutter brauchen, basiert auf dem problematischen Gedanken, dass es genau eine (1) Art von “Frausein” und eine (1) Art von “Mannsein” gibt, die die Eltern den Kindern jeweils vermitteln. Fehlt nun Vater oder Mutter so fehlt auch das jeweilige Element als Vorbildrolle im Leben des Kindes und ein Defizit entsteht. Ein kurzer Blick in die Realität reicht allerdings um zu erkennen: Es gibt viele verschiedene Arten von Frauen und Männern, und was es nun genau ist, das Kinder vermittelt bekommen sollen, ist mehr als unklar. Man stelle sich eine Familie vor, in der der Vater oder die Mutter oder beide nicht dem jeweiligen Geschlechterstereotyp entsprechen, vermitteln diese ihren Kindern dann womöglich fehlerhafte Rollenbilder? Und was genau soll dieses “Spannungsverhältnis der Geschlechter” sein, das Herrn Winkler zufolge so elementar ist? Tatsächlich ist es doch so, dass es eine Vielzahl individueller Spannungsverhältnisse gibt, die ebenso vielfältig sind wie die vielen individuellen Menschen, die unsere Gesellschaft ausmachen. Müssen Kinder wirklich vorgelebt bekommen, wie sie ein Mann bzw. eine Frau zu sein haben, oder reicht es nicht vollkommen, sie mit viel Liebe, Fürsorge und Respekt aufzuziehen und ihnen die Freiheit zu geben, ihr eigenes individuelles Wesen zu entdecken und zu leben? Oder kann es sein, dass es in Wahrheit gerade diese Freiheit ist, die den Gegnern der Eheöffnung so viel Angst macht, weil sie womöglich ihr schwarz-weißes Weltbild erschüttern könnte?

3. Kinder aus Regenbogenfamilien haben es schwerer, da sie von ihren Mitschülern als anders wahrgenommen werden und dadurch verstärkt Anfeindungen ausgesetzt sind. Kinder in eine solche Situation zu bringen ist von den Eltern unverantwortlich.

Wann immer ich dieses Argument höre, frage ich mich, ob wirklich Angst die Motivation für unsere Taten sein soll. Wenn die gesellschaftliche Situation so ist, dass Kinder aus Regenbogenfamilien gemobbt werden, wollen wir dann nicht lieber daran arbeiten, diese Gesellschaft zu verändern, um bessere Lebensbedingungen zu schaffen? Es bedarf wohl nicht allzuviel Phantasie, um sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der Kinder aus ethnisch gemischten Familien mit Mobbing konfrontiert sein können. Würde auch hier der Rat lauten, in ethnisch gemischten Familien am besten keine Kinder zu bekommen? Wohl kaum. Hier ist ganz offensichtlich, dass sich die Gesellschaft zu ändern hat, und nicht die Individuen von ihren Lebensentwürfen ablassen sollen. Doch bei Homosexuellen trumpft die potentiell homophobe Reaktion den Drang nach mehr Freiheit und Akzeptanz. Erstaunlich, traurig und äußerst pessimistisch. Ein Blick in die jüngere gesellschaftliche Vergangenheit offenbart die unglaubliche Fähigkeit von Menschen, binnen relativ kurzer Zeit beachtliche Fortschritte in punkto Toleranz und gesellschaftlicher Diversität zu machen, aber ausgerechnet bei Regenbogenfamilien soll damit Schluß sein? Kinder sind genauso tolerant wie ihre Eltern es ihnen vorleben. “Manche Kinder haben zwei Mütter oder zwei Väter” als unaufgeregte, selbstverständliche Erklärung reicht meistens, um Kindern zu vermitteln, dass es nun mal verschiedene Familien gibt und diese weder besser noch schlechter sind. Arbeiten wir also daran, unsere Gesellschaft offener und freier zu machen und unsere Kinder ohne Vorurteile aufzuziehen, anstatt mögliche Vorurteile als Ausrede zu verwenden, einfach nicht aufgeschlossener sein zu wollen.

4. Eine Minderheit diktiert der Mehrheit ihr Nischenthema

Eine Minderheit ist per Definition keine Mehrheit und hat’s daher in einer Demokratie mitunter schwer, ihren Anliegen Gehör zu verschaffen. Moderne Demokratien haben allerdings einen anderen Vorteil, nämlich das Wissen darum, dass Vielfalt keine schlechte Sache ist und auch Minderheiten Rechte zugestanden werden können, ohne dass daraus negative Konsequenzen für die Mehrheit resultieren. Wenn heterosexuelle Menschen also realisieren, dass die Eheöffnung weder familienfeindlich noch heterofeindlich oder in irgendeiner anderen Art schädlich ist, sondern dass es dabei um Menschen wie sie selbst geht, die ihren Wunsch nach einer rechtlich abgesicherten Partnerschaft und der Gründung einer Familie verwirklichen wollen, dann ist das in meinen Augen keine “Diktatur der Minderheit” sondern vielmehr die Erkenntnis, dass man nicht Teil einer Minderheit sein muß, um diese in ihren Bestrebungen unterstützen zu wollen. Oder wurde etwa der weißen Bevölkerung der Vereinigten Staaten von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung deren Anliegen “diktiert”? Ich muß keine Ausländerin sein um gegen Xenophobie zu sein, keine dunkle Hautfarbe haben um gegen Rassismus zu sein, und nicht homosexuell sein um gegen Homophobie zu sein. Die Erkenntnis, das wir alle Menschen sind, die einfach nur in Frieden ein glückliches, selbstbestimmtes Leben führen wollen, reicht eigentlich aus um zu erkennen, dass bei einer Gleichstellung von Minderheiten niemand verliert, sondern alle gewinnen.

5. Homosexuelle können auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen und sollen daher auch keine haben. Dies ist von der Natur nicht vorgesehen.

Eines meiner Lieblingsargumente. Jaja, die Natur. Die wird sich schon was dabei gedacht haben, dass sich zwei Männer und zwei Frauen nicht fortpflanzen können, nicht wahr? Hier wird allerdings das Sein mit dem Sollen verwechselt. Nur weil etwas nicht ist, heißt nicht, dass es auch nicht sein soll. Und im Übrigen reicht ein Blick aus dem Fenster um zu erkennen, dass jegliche Argumentation, die auf der angeblich wünschenswerten “Natürlichkeit” beruht, vollkommener Unsinn ist. Im Jahr 2013 ist so gut wie nichts mehr an unserem Leben in einer westlichen Gesellschaft “natürlich”. Angefangen von der Nahrungskette (hochgezüchtetes Gemüse und Nutztiere, die kreuz und quer durch die Welt gekarrt werden), über Mobilität (schneller als Usain Bolt mit 44,7 km/h ist noch nie ein Mensch beim Laufen gemessen worden, vielleicht wäre auch hier ein Sollen abzuleiten, dass Menschen sich daher “von Natur aus” nicht in schnelleren Geschwindigkeiten fortbewegen sollen?) bis zur modernen Medizin und Forschung (unnatürlich hohe Lebenserwartung, transplantierte Organe, Mäuse mit menschlichen Ohren auf dem Rücken, Mäuse, die im Dunklen leuchten, Energiegewinnung aus Kernspaltung – um jetzt mal nur ein paar extrem unnatürliche Beispiele zu nennen)  ist NICHTS an unserem heutigen Leben mehr natürlich. Der große Aufschrei bleibt allerdings aus. Aber wenn Homosexuelle Kinder haben möchten, dann sollen wir bitteschön am besten wie in der Steinzeit leben. Da darf es dann keinen Fortschritt geben, dürfen medizinische Errungenschaften nicht dazu verwendet werden, um bisher Unmögliches möglich zu machen. Vielleicht sollen ja auch heterosexuelle Paare keine künstliche Befruchtung vornehmen dürfen, denn die Natur wird sich schon was dabei gedacht haben, dass diese Menschen unfruchtbar sind. Eventuell ist es nicht im Interesse der Spezies, dass diese Menschen ihr Erbgut weitergeben, wer kann das schon sagen? “Unnatürlichkeit” ist nicht per se ein Grund, um etwas nicht tun zu sollen und ich persönlich bin über mein sehr unnatürliches Leben und seine Annehmlichkeiten sehr froh. Um etwas nicht tun zu sollen muß es schon triftigere Gründe geben, nämlich negative Konsequenzen, und diese haben Regenbogenfamilien einfach nicht.

6. Die Ehe ist nun mal eine Verbindung zwischen Mann und Frau

Der Vollständigkeit halber erwähne ich das auch noch kurz, aber ähm ja… was soll man dazu schon viel sagen. Die Ehe ist nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde für Menschen für einen bestimmten Zweck erdacht und definiert. Und was einmal definiert wurde, kann jederzeit neu definiert werden. Nichts ist wohl so menschlich wie der stete Drang nach Entwicklung und Verbesserung, und wenn wir nun draufkommen, dass eine alte Definition nicht mehr passt, so ist es an der Zeit, diese zu ändern.

Kurzum: Es gibt schlicht und einfach keine guten Gründe, um Homosexuellen die Ehe zu verbieten oder ihnen die Fähigkeit abzusprechen, Kinder, mit allem was sie brauchen, aufzuziehen. Beate Meinl-Reisinger von den NEOS begründete die fehlende Mehrheit für die Öffnung der Ehe innerhalb ihrer Partei damit, dass es hier Sensibilitäten gibt, die rational nicht erklärt werden können. Dies ist zwar traurig, doch wenigstens ehrlich. Eine solche Ehrlichkeit würde ich mir auch von anderen Gegnern von Regenbogenfamilien wünschen. Versteckt euch nicht hinter fadenscheinigen Argumenten, sondern gebt zu, dass ihr ganz einfach homophob seid und kein Interesse an einer offeneren Gesellschaft habt. Oder argumentiert rum, wenn ihr solchen Spaß daran habt, aber seid darauf gefasst, dass eure Argumente der Reihe nach zerlegt werden.“

Gastbeitrag von Theresia Raithofer/sugarbox.at

(Bild: The Taste Of Rain – CC-BY-NC-ND-2.0 – Flickr)
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