IKEA zeigt Flagge gegen Homophobie in Italien – ein Kommentar

Der schwedische Möbelkonzern hat schon in den vergangenen Monaten seine liberale Sichtweise zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in diversen Werbeeinschaltungen demonstriert. Nun hat IKEA diesen Schritt auch in das konservative Italien gewagt. Im Zuge der Neueröffnung eines Einrichtungshauses des Konzerns im Osten der Halbinsel Sizilien und der Bewerbung der IKEA Family-Card, schaltete IKEA gleichzeitig eine Printwerbung, welche zwei Männer Hand in Hand und dem Slogan „Siamo aperti per tutte le famiglie“ (Wir sind offen für alle Familien) abbildete. Diese rief sofort den italienischen Untersekretär des Familienministeriums Carlo Giovanardi auf den Plan, welcher sie als Angriff auf die italienische Verfassung bezeichnete.

Seiner Meinung nach ist der Begriff einzig und alleine für die Ehe zwischen Mann und Frau bestimmt. Darüber hinaus empfand er diese Werbeoffensive von Ikea beleidigend und von schlechtem Geschmack. Genau jene öffentlichen Aussagen nähren das noch immer homofeindliche Klima, welches noch immer in Italien herrscht. Jedoch wirkt auch das Hochhalten der moralischen Werte der Familie durch einen Vertreter des Bunga-Bunga-Parlaments heuchlerisch in Anbetracht der brisanten Vorfälle der letzten Monate.

Schätzungen zufolge leben in Italien derzeit fünf Millionen Schwule und Lesben und eine Million Lebensgemeinschaften, wovon ungefähr 250.000 gleichgeschlechtlicher Natur sind. Somit kann gesagt werden, dass auch in Italien die Familie mit PartnerInnen desselben Geschlechts längst Realität ist, jedoch mit dem Unterschied, dass sie nicht den gleichen Zugang zu Rechten hat wie Familien  mit heterosexuellen PartnerInnen.

Die Antwort des schwedischen Möbelriesen folgte unverzüglich: IKEA schädigt weder die italienische Verfassung, noch wird die Familie angegriffen. Laut Konzernmeinung ist der Familienbegriff viel mehr einer kontinuierlichen Weiterentwicklung unterworfen und bezieht sich nicht nur auf die Ehe, sondern unterschiedlichsten Ausprägungsformen wie beispielsweise Lebensgemeinschaften, Singles und Partnerschaften von Großeltern.

Auch an der Bevölkerung gingen die Aussagen des italienischen Familienuntersekretär nicht spurlos vorüber. Innerhalb weniger Stunden formierte sich eine Gruppe auf Facebook, welche zu einem spontanen Kiss-in Flashmob am Samstag den 30. Juni vor dem  Eingang des IKEA-Standortes in Rom mit dem Titel „Wir inmitten von IKEA, Giovanardi nicht von dieser Welt“ aufrief. Unterdessen organisierte gleichtzeitig die Homo-Vereinigung Arcigay Catania ebenso einen Flashmob direkt vor der neu eröffneten IKEA Filiale in Sizilien. Dort fanden sich an die 30 Schwule und Lesben ein, die sich für zehn lange Minuten küssten und umarmten. Ein Sprecher von  Arcigay Catania sagte, dass sie heute im Namen aller Homosexuellen hier sind um zu zeigen, dass auch sie eine Familie sind.

KritikerInnen  könnten nun  meinen, dass IKEA genau mit dem Kalkül gespielt hat, eine solche Polemik hervorzurufen um so den Werbeeffekt noch zu vergrößern. Darüber mag man nun urteilen wie man möchte. Fakt ist allerdings, dass es der schwedische Möbelkonzern erreicht hat wieder ein Bewusstsein für das Thema von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in den Medien und in der Bevölkerung zu schaffen und „Homo-Familien“ als normal darzustellen. In Anbetracht des oft großen politischen und religiösen Widerstandes in Italien ein mutiger Schritt. Da Homosexualität in weiten Teilen dieses Landes noch immer als Tabuthema gilt, braucht es genau solche liberalen und internationalen Konzerne, die von außerhalb sich für Rechte von Schwulen und Lesben stark machen.

Übrigens, im Juni findet in der italienischen Hauptstadt Rom die diesjährige Europride statt.

(Ein Gastkommentar von MC)

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2 Comments
  1. MC says

    Update: Das Vorbild IKEA macht Schule

    Nun ist auch Eataly, eine italienische Feinkostlebensmittelkette, auf den Zug aufgesprungen. Auch dieses Unternehmen zeigt in ihrer, in vielen Tageszeitungen geschalteten, Werbung ein Pärchen Hand in Hand; dieses Mal allerdings zwei Frauen und dem Titel „Auch wir bei Eataly sind für alle Familien offen“. Weiters wird darauf hingewiesen, dass sie vielmehr die wahre Liebe zwischen zwei Menschen und deren Möglichkeit eine Familie zu gründen hoch leben lassen möchten. Kurz darauf meldete sich auch das italienische Familienministerium zu Wort und meinte, dass man durch solche Aktionen in Wahrheit Familien mit Mann und Frau diskriminieren würde. Die Aussagen, dass nur sie eine wirkliche Familie sein können, da sie sich nicht nur Rechte für sich beanspruchen, sondern sich auch den Pflichten wie der Kinderziehung stellen, hinkt ein wenig. Unterdessen appelieren Homo-Organisationen auch an andere Unternehmen in Italien dem Beispiel von IKEA und Eataly zu folgen um so ein deutliches Zeichen gegen Diskrimierung zu setzen. (MC)

  2. […] Die Printwerbung rief den italienischen Untersekretär des Familienministeriums Carlo Giovanardi auf den Plan, welcher diese als Angriff auf die italienische Verfassung bezeichnete. IKEA konterte, dass der Familienbegriff viel mehr einer kontinuierlichen Weiterentwicklung unterworfen ist und sich nicht nur auf die Ehe, sondern unterschiedlichsten Ausprägungsformen, wie beispielsweise Lebensgemeinschaften, Singles und Partnerschaften von Großeltern, bezieht. (thinkoutsideyourbox.net berichtete). […]

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