Homophobia Kills! HOSI Linz warnt vor Zunahme von Homophobie unter Jugendlichen

Die HOSI Linz präsentiert anlässlich des Internationalen Menschenrechtstags einen Videoclip und erinnert daran, Homophobie eine klare Absage zu erteilen. Mobbing, Diskriminierung, homophobe Gewalt und daraus resultierende Selbstmorde vor allem homosexueller Jugendlicher muss energisch entgegengetreten werden. Auch den PolitikerInnen in Oberösterreich muss klar sein, dass sie eine Verantwortung für diese Jugendlichen und deren Situation tragen. Akzeptanz in der Gesellschaft ist auch Folge einer Akzeptanz in der politischen Realität und Gesetzgebung. Deshalb hofft die HOSI Linz auf eine rasche Umsetzung des Landespartnerschaftsgesetzes.

Wenn am 10. Dezember der Internationale Tag der Menschenrechte begangen wird, können sich Lesben und Schwule zwar bereits über viele Erfolge hinsichtlich ihrer rechtlichen und sozialen Gleichstellung freuen, aber dennoch ist Homophobie und eine daraus resultierende Diskriminierung und Gewalt immer noch Teil der erlebten Lebensrealität.

Über die Hälfte lesbischer und schwuler Jugendlicher hat in Befragungen angegeben, üble Nachrede und Mobbing Gleichaltriger erlebt zu haben. Ebenso viele sind in der Öffentlichkeit beschimpft worden, knapp ein Drittel in der Schule. Homosexuelle Jugendliche sind eklatant häufiger depressiv, denken öfter an Selbstmord, planen oder versuchen sogar einen solchen. So haben 17 Prozent der Lesben und zwölf Prozent der Schwulen bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Fast jeder dritte Suizidversuch in Österreich wird von homosexuell orientierten Menschen begangen“, berichtet Gernot Wartner, Vereinssprecher der HOSI Linz.

Videoclip: „Homophobia Kills“

Die HOSI Linz stellt daher  anlässlich des Internationalen Menschenrechtstags einen Videoclip unter dem Titel „Homophobia Kills“ vor, der über soziale Netzwerke wie z.B. Facebook verbreitet werden soll. Produziert wurde der Clip von Robert Stocker (DJ T.cane) aus persönlicher Betroffenheit. „Die Idee zu ‚Homophobia Kills‘ hat zwei starke Motivationen. 1. Die immer krasser werdenden Mobbingattacken im Schutz des anonymen Internets auf vor allem jugendliche Homosexuelle und Transgender. Mit dem Resultat: Depressionen, Angst und Selbstmord. Auch ‚Project Homophobia‘ des jungen Linzer Filmemachers Gregor Schmidinger war für mich ein Beispiel, einen Beitrag leisten zu müssen, wenn man die Möglichkeit hat. Der zweite Punkt war die aktuelle Lage der HOSI Linz. Mit dem Video soll natürlich auch darauf hingewiesen werden, an wen sich Jugendliche und „gemobbte“ wenden sollen und können, wenn sie sich nicht selber zu helfen wissen,- nämlich an die HOSI und ihre MitarbeiterInnen„, so Stocker.

Robert Stocker, der seit seinem 6. Lebenjahr Musik macht, arbeitet als Dj in Lech am Arlberg und Velden am Wörthersee, sowie bei zahlreichen Events und Veranstaltungen. Außerdem produziert er unter anderem auch mit „GastKünstlerInnen“ wie Nadja abd el Farrag, Stella Jones und Greg Bannis von „Hot Chocolate“ Musik.

Mit diesem Clip wollen wir Bewusstsein dafür schaffen, das Homophobie weder im Internet noch im realen Leben einen Platz haben darf“, so Wartner. „Es reicht nicht, ein Antidiskriminierungsgesetz einzuführen und zu meinen, jetzt wäre die Welt in Ordnung. Das Bewusstsein in der gesamten Bevölkerung muss noch verbessert und sensibilisiert werden, erst dann ist auch in den Familien und in der Schule ein Umdenken möglich. Das fängt bei den Schulbüchern an, wo noch immer patriarchal-heteronormative Rollenbilder dargestellt werden, und hört bei der Lehrkräftefortbildung auf. Es geht um die Frage, ob Homosexuelle beispielsweise beim Blutspenden von ÄrztInnen pauschal diskriminiert werden. Oder darum, dass es immer noch ÄrztInnen gibt, die Homosexuelle heilen wollen. Es geht darum, wie homosexuelle Jugendliche in Jugendzentren aufgenommen werden; ob auf ihre Bedürfnisse Rücksicht genommen wird und ob es dort Freiräume gibt, in denen sie einen positiven Zugang zu ihrer Homosexualität entwickeln können. Und, und, und… Da bleibt noch vieles zu tun. Und vor allem muss die Gesellschaft umgehend auf Homosexuelle hassende Teenager reagieren, die die Atmosphäre in mancher Schule tagtäglich vergiften. Hier sind LehrerInnen, Eltern und Politik gefordert.“

Die HOSI Linz sieht das Land OÖ daher auch gefordert, ein deutliches Zeichen zu setzen. Das Landespartnerschaftsgesetz, das seit Sommer 2010 verhandelt wird, soll ohne Verzögerung beschlossen werden. „Wir bitten die ÖVP eindringlich, die Blockade gegen eine tatsächliche Gleichstellung lesbischer und schwuler PartnerInnenschaften endlich aufzugeben. Nur eine völlige gesetzliche Gleichstellung, wie von SPÖ und Grünen gefordert, gewährleistet letztlich, dass in der Öffentlichkeit das Signal wahrgenommen wird, dass Lesben und Schwule keine Menschen zweiter Klasse sind. Der Respekt vor den Lebensentwürfen homosexueller BürgerInnen, den der Landesgesetzgeber damit zum Ausdruck bringt, trägt zur Sensibilisierung der Bevölkerung bei und hilft dadurch besonders auch lesbischen und schwulen Jugendlichen, ihre Sexualität anzunehmen“, so Wartner.

Der Menschenrechtstag erinnert auch daran, dass strukturelle Diskriminierung, also alle Formen von Diskriminierung gesellschaftlicher Gruppen, die in der Struktur der Gesamtgesellschaft begründet liegen, zu bekämpfen, eine wesentliche Aufgabe des modernen Rechtstaates und der politischen Kräfte sei. „Wenn schon das Land OÖ mit seiner Gesetzgebung gegen das Diskriminierungsverbot der Oö. Landesverfasssung zu verstoßen bereit ist, dann darf man sich wohl nicht wundern, wenn Homophobie und Gewalt gegen Lesben und Schwule zunehmend salonfähig werden. Solange es auch nur einen homosexuellen Jugendlichen gibt, der wegen Homophobie und Diskriminierung Selbstmord begeht, wird unser Kampf gegen solche Umstände nicht aufhören“, so Wartner abschließend.

Hintergrund

Am 10. Dezember 1948 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Palais de Chaillot in Paris die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Diese enthält in 30 Artikeln grundlegende Ansichten über jene Rechte, die jedem Menschen zustehen, „ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.“

Und dennoch: Auch 2011 werden Lesben und Schwule immer noch diskriminiert nur weil sie eine andere sexuelle Orientierung haben, als die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft. In einigen Staaten ist die Tötung von Homosexuellen sogar staatlich organisiert: So werden in den Vereinigten Arabischen Emirate, im Iran, in Jemen, Saudi Arabien, Mauretanien, im Sudan und in Teilen Nigerias,   homosexuelle Handlungen unter Männern mit dem Tode bestraft und in zahlreichen Staaten drohen zumindest lebenslängliche Freiheitstrafen.

Je nach Ausprägung reicht Homophobie von Vorurteilen über ausgeprägte Abneigung und Befürwortung von Diskriminierung oder staatlichen Repressionen gegen Homosexuelle bis hin zu äußerstem Hass und körperlicher Gewalt gegen Homosexuelle. Es sind auch Fälle bekannt, in denen Homosexuelle nur wegen ihrer sexuellen Orientierung ermordet wurden (z.B. der Student Matthew Shepard 1998 in Laramie, Wyoming).

Während sich das Bild der Homosexuellen in der Gesellschaft aufgrund der Veränderungen in der Darstellung in Medien und verschiedener Aufklärungskampagnen, der Visualisierung von homosexuellen Politikern und homosexuellen Menschen/Paaren im Alltags- und Berufsleben sowie der geänderten Gesetzeslage und Rechtsprechung zuletzt deutlich verbessert hat, nimmt Homophobie unter Jugendlichen immer stärker zu.

Eine repräsentative mündliche Befragung des Marktforschungsinstituts iconkids & youth bei 669 12- bis 17-jährigen Jugendlichen im Jahr 2002 ergab: 61% der deutschen Jugendlichen haben gegenüber „Schwulen“ und „Lesben“ eine negative Einstellung, finden sie „nicht“ oder „überhaupt nicht gut“. Die Befragung zeigte auch: Mädchen sind toleranter als Jungen. Während 71 % der Jungen offen ihre negative Einstellung zu „Schwulen“ bekannten, äußerten lediglich 51 % der Mädchen Vorbehalte gegen Homosexuelle.

So gaben in einer Studie der Barna Group, eines christlichen Meinungsforschungsinstituts aus den Vereinigten Staaten, über die Meinung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 16 bis 29 Jahren 91 % der Nicht-Christen und 80 % der Kirchgänger an, dass anti-homosexuell die diesbezügliche Einstellung des Christentums gut beschreibe.

Laut der oben erwähnten Studie von iconkids & youth wuchs die Ablehnung von Homosexuellen unter Jugendlichen in den letzten Jahren.

Lesbische und schwule Jugendliche sind Opfer von Mobbing und Gewalt in Familie, Schule und der Öffentlichkeit.

Über die Hälfte hat üble Nachrede und Mobbing Gleichaltriger erlebt. Eine Studie des Niedersächsischen Ministeriums für Frauen, Arbeit und Soziales ergab 2001, dass etwa vier von zehn Befragten berichteten, dass sich Freunde zurückgezogen haben. Ebenso viele sind in der Öffentlichkeit beschimpft worden, knapp ein Drittel in der Schule. Häufig erleben SchülerInnen, dass Lesben und Schwule zu Zielscheiben von Witzen und Verachtung werden, ohne dass Lehrkräfte darauf angemessen reagieren.

So verteidigen nur etwa 18% der Lehrkräfte Lesben/Schwule im Unterricht, über 27% jedoch lachen mit oder stimmen homophoben Äußerungen zu.

Körperliche Gewalt aufgrund der sexuellen Identität haben bereits 7% der lesbischen und schwulen Jugendlichen in der Schule erfahren und 5,7% in der Öffentlichkeit. Körperliche Gewalt im Elternhaus erleiden aufgrund Ihrer Homosexualität 1,5% der Jugendlichen.

Die Zahlen verdeutlichen: Homophobe Gewalt ist allgegenwärtig und spielt sich überwiegend auf der verbalen, psychischen Ebene ab. In der Mehrzahl der Fälle erleben die Jugendlichen die beschriebene Gewalt nicht einmalig, sondern mehrfach.

Lesbische und schwule Jugendliche haben eine vier- bis siebenmal höhere Suizidrate

Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal höher, als das von Jugendlichen im Allgemeinen. Deutlich ansteigend ist das Suizidrisiko, je jünger die Jugendlichen bei ihrem Coming Out sind.

Laut der Studie des Berliner Senats „Sie liebt sie. Er liebt ihn.“ haben sechs von zehn Befragten schon einmal daran gedacht, ihrem Leben ein Ende zu setzen, die Mädchen etwas häufiger als die Jungen. 18% haben bereits einen oder mehrere Suizidversuche hinter sich. Die Erfahrung zeigt, dass das Risiko eines späteren Suizides mit der Anzahl vorausgegangener Suizidversuche steigt.

Auch eine umfangreiche Untersuchung aus dem Jahr 2004 im deutschsprachigen Raum, bei der 358 schwule, lesbische und bisexuelle ÖsterreicherInnen von Dr. Martin Plöderl von der Universität Salzburg im Rahmen seiner Dissertation befragt wurden – der größte Teil davon in Salzburg, Oberösterreich und der Steiermark – sieht als Hauptursache für Suizidversuche homosexueller Jugendlicher die geringe soziale Unterstützung – vor allem auch durch die eigenen Eltern.

Dabei zeigte sich auch, dass homosexuelle Jugendliche eklatant häufiger depressiv sind, an Selbstmord denken, einen solchen planen oder eben auch versuchen. Demnach haben 17 Prozent der Lesben und zwölf Prozent der Schwulen bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Fast jeder dritte Suizidversuch in Österreich wird von homosexuell orientierten Menschen begangen.

Bei der sehr vorsichtigen Schätzung, dass sechs Prozent der Bevölkerung gleichgeschlechtlich veranlagt sind (die Angaben reichen von fünf bis 15 Prozent), würden 30 Prozent der Suizidversuche auf das Konto dieser Gruppe gehen, so der Studienautor Plöderl. Das heißt, das Selbstmordrisiko sei etwa sieben Mal so hoch wie bei Heterosexuellen.

Gefährdet sind vor allem jene homosexuelle Jugendliche, die

  • in der Familie unerwünscht und ungewollt, emotional vernachlässigt sind,
  • abgelehnt oder überfordert sind,
  • in einer ständig gespannten Familienatmosphäre aufwachsen,
  • Gewalterfahrungen (physisch und/oder psychisch) machen,
  • schwere Verluste, Trennungen und Brüche erfahren haben,
  • ein problematisches Coming out haben.

Insbesondere die männlichen Jugendlichen leiden unter der Angst oder der Erkenntnis schwul zu sein. Viele homosexuelle Jugendliche erzählten nach einem Suizidversuch, sie hätten Ihre Eltern von der Schande erlösen wollen, ein homosexuelles Kind zu haben.

Nicht die Homosexualität an sich führt dazu, suizidal zu werden, sondern die eigenen (berechtigten) Ängste, Erfahrungen mit den Reaktionen des Umfeldes (Elternhaus, Gleichaltrige, Schule) und die gesellschaftliche Bewertung. Je geringer die Akzeptanz und soziale Einbindung, desto größer der Selbstzweifel und desto tiefgreifender möglicherweise die Krise. Insgesamt sind es die lang andauernden Belastungsfaktoren, die das Lebensgefühl der suizidgefährdeten jungen Menschen bestimmen.

Über ihre Homosexualität sprechen suizidgefährdete Jugendliche in Beratungsstellen, mit VertrauenslehrerInnen etc. in der Regel nicht oder erst viel später oder nur auf Nachfrage, weil sie sich der Einstellung der BeraterInnen/LehrerInnen…, zu diesem Thema nicht sicher sind. Die Jugendlichen sind somit häufig ganz auf sich allein gestellt.

Strukturelle Diskriminierung als Ursache von heteronormativer Diskriminierung

Als Strukturelle Diskriminierung werden die Formen von Diskriminierung gesellschaftlicher Gruppen, die in der Beschaffenheit der Struktur der Gesamtgesellschaft immanent begründet liegen, bezeichnet. Das Gegenstück zu Struktureller Diskriminierung stellt die Interaktionelle Diskriminierung dar.

Ausgangspunkt sind Normen und Regeln, die für alle Gesellschaftsteile gleichermaßen gelten. Sie ziehen strukturelle Diskriminierung nach sich, wenn durch ihre Anwendung in Form von Haltungen oder Handlungen gesellschaftliche Teilgruppen gravierender Ungleichbehandlung ausgesetzt sind. Die Psychologin Ute Osterkamp stellt beispielsweise für den Rassismus fest, „dass rassistische Denk- und Handlungsweisen nicht Sache der persönlichen Einstellungen von Individuen, sondern in der Organisation des gesellschaftlichen Miteinanders verortet sind, welche die Angehörigen der eigenen Gruppe systematisch gegenüber den Nicht-Dazugehörigen privilegieren.“ Strukturelle Diskriminierung beruht auf eingespielten und dauerhaften, oft formalisierten und explizit geregelten institutionellen Praktiken.

Strukturelle Diskriminierung trifft etwa in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft vor allem Frauen (Sexismus) und in einer heteronormativen Gesellschaft vor allem Schwule, Lesben und Transgender (Heterosexismus). Strukturelle Diskriminierung kann auch eine der Ursachen für Rassismus und Behindertenfeindlichkeit sein.

(Bild: Screenshot YouTube-Video; Text: HOSI Linz)
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