Hilfe! Protest! – Replik an ÖVP Wien-Chef Juraczka und dessen unsinnige RosaLila Villa Aussagen

Nachdem die Parkpickerl durch sind und sich selbst die bärbeissigsten Medien nicht mehr für diese interessieren, hat ÖVP-Wien-Obmann Manfred Juraczka ein neues Aufregerthema gefunden – den Ersten Wiener Protestwanderweg! Und noch bevor überhaupt alle Stationen des Protestwanderwegs eröffnet sind, gibt es Protest, gerade von einer Partei, die sonst das Protestieren gar nicht auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Das Zentrum polis, eine zentrale pädagogische Serviceeinrichtung zur Politischen Bildung in der Schule, hat zusammen mit dem Autor Martin Auer den Ersten Wiener Protestwanderweg initiiert. Um vor allem junge Menschen und SchülerInnen für Orte der Geschichte zu interessieren, werden bei ausgewählten Stationen Tafeln mit einer kurzen Beschreibung und einem QR-Code angebracht, über den man sich auf eine Website einloggen kann, auf der es weiterführende Informationen und Aufgaben gibt, sodass dieses Projekt auch eine zeitgemäße und für technikaffine Kids auch spielerische Ergänzung des Unterrichts darstellt. So weit so gut, fände nicht die ÖVP ein Haar in der Suppe, um gegen dieses innovative und lehrreiche Projekt Stimmung zu machen.

Und das hat wohl mit dem grundsätzlichen Verständnis des Begriffs Protest zu tun, den der Duden als „Einspruch, Verwahrung, Widerspruch“ definiert. Widerspruch tut gar nicht gut, könnte das Motto der ÖVP lauten, vor allem wenn es um heilige Kühe der Partei geht. Die älteste der bislang eröffneten sechs Stationen bezieht sich auf die Gründung der Gewerkschaften. Mit denen hat die ÖVP zwar ihre alte Not, aber nachdem das mit der Ausschaltung 1934 nicht dauerhaft geklappt hat, arrangierte man sich sozialpartnerschaftlich. Weiter geht es mit dem Ersten Mädchengymnasium in der Rahlgasse und dem Planquadratgarten im 4. Bezirk, gegen die heute schwer politisch argumentieren kann, auch wenn sie alle durch politisch engagierte, gegen die herrschenden Verhältnisse protestierende BürgerInnen entstanden sind.

Mit der Arena und dem WUK finden zwei schon heißer umkämpfte Institutionen Aufnahme in den Protestwanderweg, bei der Rosa Lila Villa muss Juraczka aber die Spucke weggeblieben sein. Aber endgültig blass musste er geworden sein, als er unter den geplanten Projekten pro:woman – das Ambulatorium für Sexualmedizin und Schwangerenhilfe und gleich davor O5, die konservativ-katholische Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus, fand, dessen Zeichen heute unter Denkmalschutz und hinter Glas neben dem Portal des Stephansdoms zu sehen ist.

Gegen diese Zusammenstellung hilft nur noch Protest und eine OTS-Presseaussendung. Manfred Juraczka hält entrüstet fest:

„Wer den Bestand eines privat betriebenen Lokalitätsbetriebs für Homosexuelle und die Eröffnung einer Abtreibungsklinik in einem Atemzug mit dem Widerstand gegen das Hitler-Regime nennt, verharmlost auf unzulässige Art und Weise das NS-Regime.“

Abgesehen vom faktischen Unsinn, dass die Rosa Lila Villa kein Lokalitätsbetrieb (wo hat Juraczka nur dieses verschrobene Wort her?) ist, haben die drei Dinge in der Geschichte ziemlich viel miteinander zu tun, aber das weiß der ÖVP-Obmann vielleicht nicht, weil er sich wohl nicht die Mühe machte, auch die weiterführenden Materialien zu den Stationen zu lesen.

Schon auf der ersten Informationsseite hätte er vom Beratungszentrum für Lesben, Schwule und Transgender erfahren, dass ein Teil des Hauses Wohnprojekt ist und die Räume auch anderen Gruppen vom Sportverein bis zu juristischen Arbeitskreisen zur Verfügung stehen. Er hätte etwas über Homosexualität in anderen Kulturen und in der Geschichte erfahren. Er hätte etwas über die Verfolgung Homosexueller erfahren, auch in der NS-Zeit, als tausende schwule Männer und Frauen von den Nazis in Konzentrationslagern umgebracht wurden. Da hätte er auch an die Widerstandsbewegung O5 denken können, jene Männer und Frauen, die halfen, Österreich von den Nazis zu befreien. Aber was haben die mit den Homosexuellen zu tun?

Sehr viel sogar. Denn auch sie waren dafür verantwortlich, wie VertreterInnen der anderen Opfergruppen, der politischen und jüdischen allen voran, die eine Rehabilitierung der schwulen und lesbischen Opfer der NS-Zeit verhinderten, denn mit diesen „Schweinen“ wollte man nichts zu tun haben. Historische Dokumente belegen die Verachtung, die Homosexuellen in der Nachkriegszeit entgegen schlug, als die Verfolgungsintensität Homosexueller wieder Nazi-Niveau erreicht hatte.

Sehr geehrter Herr Juraczka,

es ist mitnichten unzulässig, dass die Rosa Lila Villa als Ort des Protestes und Widerstands mit einer Widerstandsgruppe gegen den NS-Terror in einen Topf geworfen wird, beide protestierten gegen eine herrschende Unterdrückung. Dass die Einen ihr Leben dafür riskierten verbindet sie mit den Gewerkschaftern 1934 und auch viele Leben von Schwulen und Lesben wurden zumindest sozial vernichtet, weil sie in das Räderwerk der Verfolgung geraten waren. Und dagegen wurde von der ersten Stunde an mit der Existenz des Lesben- und Schwulenhauses protestiert. Auch gegen die ÖVP, die massgeblich dafür verantwortlich war, dass Homosexuelle erst 2005 von Österreich offiziell als Opfer des NS-Regimes anerkannt wurden.

Es ist doch erfreulich, dass auf diesem Weg SchülerInnen und Jugendlichen ganz unterschiedliche Formen und Möglichkeiten des Protests zur Diskussion gestellt werden, weder minderst dies die Leistung der Männer und Frauen der Widerstandsbewegung gegen den NS-Terror noch stellt es eine Form der Indoktrinierung dar. Auch die Aufnahme von pro:woman ist keine Provokation, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper war eine zentrale Forderung der Frauenbewegung und die Unterbrechung einer Schwangerschaft ist – Sie mögen persönlich darüber nicht glücklich sein – in Österreich seit 1975 gesetzlich geregelt.

Sinn und Ziel des Protestwanderwegs ist es Jugendliche zur Diskussion anzuregen, über verschiedene Formen und Motive von Protestbewegungen, aber auch über ihre gesellschaftliche Funktion und ihre Auswirkungen. Und diese Diskussionen können nur produktiv sein.

Andreas Brunner, Zentrum QWien

Links:

(Bild: Jan T. Sott – CC-BY2.0 – Flickr)
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1 Kommentar

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  1. [BLOCKED BY STBV] Happy Birthday Rosa Lila Villa: Seit 30 Jahre Anlaufstelle für LGBTs | thinkoutsideyourbox.net 17 November, 2012 at 09:05

    […] Dass die “Rosa Lila Villa” auch 30 Jahre nach der Gründung neben der wichtigen Beratungs- und Informationstätigkeit sowie als Anlaufstelle für LGBTs wichtig ist, zeigt sich auch an der immer wieder politischen Diskussion. Erst kürzlich kritisierte der Wiener ÖVP-Obmann, dass die “Rosa Lila Villa” in Wiens Protestwanderweg aufgenommen wurde (thinkoutsideyourbox.net berichtete). […]

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