Gewalt bei Split Pride: Offizielles Kroatien ist „offiziell“ empört

Das offizielle Kroatien ist mit den Nachwehen des menschenrechtlichen Skandals bei der gestrigen Split Pride beschäftigt. Die Polizei konnte Lesben, Schwule und Transgender-Personen – die als HeldInnen bezeichnet werden können – nicht ausreichend vor einem gewaltbereiten und offen homophoben Pöbel schützen. „Tod den Homos!“-Rufen zeugen von einem bestehenden Problem der Akzeptanz, Toleranz und vor allem dem Wissen über Homosexualität. Der internationale Druck auf Kroatien wird nun steigen, die Menschenrechte zu wahren und auch der nahende EU-Beitritt lässt auf eine Besserung hoffen – sofern Kroatien dies überhaupt will.

In Anbetracht der massiven Gewalt gegen die ParadenteilnehmerInnen in Split und der erzwungende Abbruch der Pride, reagierte die Europasprecherin der österreichischen Grünen, Mitglied des Europäischen Parlaments und Vizevorsitzenden LGBTI-Intergroup im EU-Parlament, Ulrike Lunacek und forderte die kroatischen SpitzenrepräsendantInnen auf, die Gewalt gegen eine Minderheit aufs Deutlichste zu verurteilen:

„Angesichts der ‚Tod den Homos‘ skandierenden und Steine auf die friedlichen Pride-TeilnehmerInnen werfenden Gegendemonstranten erwarte ich von Premierministerin Kosor sowie Staatspräsident Josivpovic klare Worte der Verurteilung dieser hasserfüllten Gewaltausbrüche gegen eine friedliche Kundgebung.“

Kroatischer Präsident: „Nicht Kroatiens wahres Gesicht“

Nachdem die Gewalt beim Split Pride internationale Wellen geschlagen hat, sind nun erste Stellungnahmen der kroatischen SpitzenpolitikerInnen veröffentlicht. So verurteilte der kroatische Präsident Ivo Josipovic die Gewalt und sprach davon, dass die Ereignisse „traurig und beschämend“ seien, „dass irgendeine Gruppe von Menschen Gewalt und solch groben Angriffen ausgesetzt ist„. Er meinte weiter, „dass es ein paar nicht-europäische Teile unserer Gesellschaft“ gäbe.“ Für Josipovic sind jene 10.000 gewaltbereiten und -tätigen GegendemonstrantInnen „nicht Kroatiens wahres Gesicht„.

Auch die kroatische Regierungschefin Jadranka Kosor distanzierte sich von der Gewalt gegen die 300 Pride-TeilnehmerInnen. Sie meinte, dass  derartige gewalttätige Vorfälle „in Kroatien nicht toleriert“ werden können.

Kroatien wird an den Taten zum Schutz der Menschenrechte gemessen werden

Lunacek stellt weiter klar, dass

„Die gestrigen Gewaltausbrüche zeigen, dass die Durchsetzung europäischer Werte – und dazu gehören Versammlungsfreiheit wie die Nicht-Diskriminierung aller Minderheiten – in der kroatischen Gesellschaft noch nicht so weit verbreitet ist wie es für ein Kandidatenland, das kurz vor dem Beitritt steht, nötig wäre.“

Es bleibt somit abzuwarten, welche Taten der Präsident und die Regierungschefin setzen werden, um die Menschenrechte auch von Lesben, Schwulen und Transgender-Personen umzusetzen, zu schützen und zu verbessern. Denn ist „anders“ sein in Kroatien wirklich ok? Hat die Regierung wirklich ein Interesse, homosexuelle Menschen ein angstfreies L(i)eben zu ermöglichen?

Anfang 2009 wurde in Kroatien ein Anti-Diskriminierungsgesetz erlassen, das die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität und Ausdruck der Geschlechtlichkeit verbietet. Diese Gesetze zum besseren Schutz wurden jedoch nur auf Druck der EU, um den möglichen EU-Beitritt, der nun in greifbare Nähe gerückt ist, nicht zu gefährden. So meint Edo Bulic, Präsident von Iskorak, der ältesten NGO für LGBT-Rechte in Kroatien:

„Die Gesetze entsprechen nicht der Realität. Sie wurden nur unter Druck der EU angenommen.“

Dieses Urteil über die Regierung mag auch an einem Vorfall aus dem März 2011 ablesbar sein. Hier verklagte Iskorak und Kontra eine Religionslehrerin einer Grundschule, die Homosexualität als Krankheit bezeichnete. Die Lehrerin berief sich auf das Lehrbuch, dass sie ledilich das staatlich anerkannte Schulbuch zitierte. Trotz heftiger Gegenproteste von religiösen Gruppen wurde die Religionslehrerin verurteilt und die NGO beschwerte sich bei der Regierung über das homophobe Schulbuch. Die Antwort der Regierung war, dass das Schulbuch alle Kritieren erfülle und daher auch nicht geändert werden müsse.

Es darf nicht nur bei Worten der Verurteilung bleiben. Doch ob das Offizielle Kroatien wirklich empört ist, oder nur „offziell“ empört ist, das werden die nächsten Monate zeigen. Kroatien und der mögliche Beitritt zur EU wird an Taten der Verbesserung der Menschenrechte gemessen und festgemacht werden (müssen).

Update 13.06.11 10:35 Uhr: Ulrike Lunacek (MEP, Die Grünen) fordert nun auch in ihrem Blog konkrete Maßnahmen von Kroatien ein.

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4 Comments
  1. benvienna says

    Immerhin eine Reaktion von offizieller Seite. Ich befürchte aber, das sind nur leere Phrasen. :(((

    Für mich sind diese 10.000, die gegen etwas demonstrieren, das sie nichts angeht und gewalttätig sind, 10.000 Neandertaler.

  2. thinkoutsideyourbox.net says

    Ich hoffe nicht. Der mögliche EU-Beitritt kann schon einiges bewirken, dass Kroatien vieles tun wird, die Menschenrechte besser zu wahren. Und Kroatien wird wohl jetzt noch viel mehr an Maßnahmen gemessen werden – zumindest ist das zu hoffen.

  3. […] dass die gewaltbereiten GegendemonstrantInnen “nicht Kroatiens wahres Gesicht” seien (thinkoutsideyourbox.net berichtete). Jedenfalls waren die ParadenteilnehmerInnen, die trotz der tausenden gewaltbereiten und […]

  4. […] Die Bilder gingen um die Welt, die Split Pride-TeilnehmerInnen waren die HeldInnen dieser Tage (thinkoutsideyourbox.net berichtete), da sie trotz der Gewaltdrohungen und Übersetzungen für ihre Rechte und Belange auf die Straße gingen. Das “offizielle Kroatien” stand in der Kritik und die EU forderte ein klares Bekenntnis zu den europäischen Werten (thinkoutsideyourbox.net berichtete). […]

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