Bravo, Viva! Gastbeitrag von Alexander v. Beyme

Gastbeitrag von Alexander v. Beyme: Bemerkenswert auf Facebook: Wie sogar eine Löschorgie zu einem Imagegewinn führen kann. Die schwul-lesbische Community feiert den Fernsehsender VIVA für den Umgang mit homophoben Kommentaren. „“Schwul“ ist keine Beleidigung und sollte als solche auch nicht verwendet werden”, schreibt der  Sender, nachdem er hunderte diskriminierende Sprüche seiner Fans zum neuen Style von Bill Kaulitz entfernt hatte. In anderen Ecken des Netzes wird Homophobie kultiviert und gepflegt – zum Beispiel auf einer Fanseite des Hamburger SV.

Bill Kaulitz, der Frontmann von Tokio Hotel, hat mich vor sieben Jahren vor allem mit seiner Manga-Frisur beeindruckt – wieviele Stunden braucht man für sowas bloß? Seinen Hang zum extravaganten Style hat er auch mit mittlerweile 22 Jahren nicht verloren, er polarisiert damit genauso wie früher. Es war zu erwarten, dass eine Masse von Dumpfbacken auch das Foto mit seinen blaugrau-gefärbten Haaren als Anlass für neue Postings wie “Schwuchtel” und “voll schwul” nutzen würde. Ich habe mich schon damit arrangiert, dass in manchem Umfeld der Kampf gegen Homophobie aussichtslos scheint. Was sich aber am Mittwoch vergangener Woche auf der Facebook-Seite von VIVA abgespielt hat, das hat mich erstaunt und lässt mich hoffen.

Nur drei Minuten bis zur ersten Warnung

VIVAs Social-Media-Redakteure waren offenbar vorbereitet: Es dauerte keine drei Minuten, bis das Foto mit der ungewöhnlichen Haarpracht schon zig Kommentare hatte und VIVA die erste Warnung darunter setzte. “Homophobe Kommentare werden sofort gelöscht! “Schwul” ist keine Beleidigung und sollte auch nicht als eine verwendet werden. In Extremfällen müssen wir User leider bannen und melden”, heißt es unmissverständlich. Der Ankündigung folgten Taten, nach Angaben der Redaktion wurden hunderte Postings gelöscht. Tatsächlich sind nun unter den verbliebenen knapp 300 Kommentaren auch gelinde gesagt Unmutsbekundungen zu finden, aber von schwulenfeindlichen Kommentaren keine Spur.

Diesen Kampf hätte nicht jeder aufgenommen

Schon dieses konsequente Eingreifen ist keine Selbstverständlichkeit, aber einen Tag später setzte VIVA noch eins drauf. Auf Facebook verlinkte der Sender eine lange Stellungnahme. Die Redaktion beklagt, ihre Facebook-Seite sei zum Forum für schwulenfeindliche Sprüche geworden, und sie wirbt für Solidarität gegenüber Homosexuellen. Ein Vorgehen, für das Kommunikationsberater Dennis Sulzmann Bestnoten vergibt: Bei der Löschaktion habe VIVA nicht nur die Grundregel eingehalten, auch die Gründe zu nennen. “Der Sender hat die ausgeartete Diskussion eingefangen und sich unmissverständlich positioniert”, so Sulzmann, “dass VIVA hier in einem ernsten Thema Verantwortung gezeigt und sich zu Werten wie Toleranz und Offenheit bekannt hat, stärkt die Reputation des Senders.“ Tatsächlich wurde VIVA dafür auf der eigenen Facebook-Seite regelrecht gefeiert, Community-Portale wie Gays.de haben den Link geteilt, queer.de berichtete in einem eigenen Artikel. VIVA hat es geschafft, eine  Löschorgie geschickt für einen Imagegewinn zu nutzen. Auf der Seite von MTV, ebenso wie VIVA im Viacom-Konzern, hat sich das Gleiche abgespielt. Abseits von jeder PR: Den Kampf gegen im Sekundentakt eintrudelnde homophobe Sprüche hätte nicht jeder aufgenommen.

Die „schwulste Sau der Welt“ ist noch online

Dass es im Netz auch anders zugeht, war eine Woche vorher an anderer Stelle zu verfolgen. Eine HSV-Fanseite postet eine Fotomontage von Tim Wiese mit dem Spruch: “Lust auf ein Abenteuer, Süßer? Dann triff mich auf der Bremen-Gay-Line im Weserstadion”. Die Fans johlen, verbreiten das Foto weiter. “Scheiß Bremer Schwuchtel”, ist bis heute unter dem Foto zu lesen, auf dem gleichnamigen Personenprofil schreibt jemand: “Tim Wiese, die schwulste Sau der Welt”. Gerne hätte ich die Motive des Admins weiter ergründet und zum Beispiel gewusst, wo seiner Meinung nach die Grenzen der Auseinandersetzung zwischen Fangruppen sind und wie solche Art von Humor mit dem Engagement des HSV gegen Rassismus und Homophobie vereinbar ist. Auf meine Fragen habe ich allerdings keine Antwort erhalten. Als Kommentar habe ich wenigstens das Video gepostet, in dem HSV-Nachwuchsleister Bastian Reinhardt über Schwule im Fußball spricht:

(Disclosure: Das Video stammt von der Siegerehrung des StartschussMasters, für das ich (Anm: Alexander v. Beyme) ehrenamtlich die Pressearbeit übernommen habe.)

Dank an Martin S. für den Hinweis auf das Tim-Wiese-Foto.

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