Alljährlich in den Sommermonaten ruft das Rote Kreuz dringend zum Blutspenden auf, da wegen der Urlaubssaison die Konservenvorräte knapp sind. Grundsätzlich hat jedeR ÖsterreicherIn die Möglichkeit, mehrmals im Jahr Blut zu spenden – sofern er/sie nicht als Risikogruppe zählt bzw ein Risikoverhalten aufweist. Eine Bevölkerungsgruppe wird jedoch nachwievor grundsätzlich ausgeschlossen: Männer, die Sex mit Männern haben. Dieser grundsätzliche Ausschluss ist in meinen Augen nicht nur eine Diskriminierung, er ist auch sachlich nicht mehr gerechtfertigt.
Möchte jemand Blut spenden, so muss er/sie einen ausführlichen Fragebogen ausfüllen, anhand dessen der/die potentielle SpenderIn zugelassen wird oder nicht. Der Fragebogen hat das Ziel, ein allfälliges Risikoverhalten einzuschätzen bzw. die Gefahr der Übetragung einer Krankheit auf den/die EmpfängerIn zu minimieren. Dieses Vorgehen ist wichtig und auch absolut richtig. Allerdings gehörte dieser Fragebogen dringenst überarbeitet, da eine Bevölkerungsgruppe grundsätzlich als Risikogruppe bzw. als Gruppe mit einem Risikoverhalten eingestuft wird und daher von der Blutspende ausgeschlossen wird: praktizierende, bi- bzw. homosexuelle Männer, die Sex mit Männern haben.
So wird beim Fragebogen explizit gefragt:
Hatten Sie als Mann Sex mit einem anderen Mann?
Wird diese Frage mit “Ja” beantwortet, darf der potentielle Spender keine Blutspende abgeben. Er wird abgewiesen. Diese Fragestellung ist grob diskriminierend. Warum?
Die sexuelle Ausrichtung einer Person sagt nichts über das gegebene Risikoverhalten aus. Dieses hängt vielmehr davon ab, ob jemand Sex mit wechselnden PartnerInnen und/oder ungeschützten Geschlechtsverkehr praktiziert. Dennoch werden schwule Männer nachwievor als Risikogruppe – unabhängig des Verhaltens – eingestuft. Dabei war es zuletzt laut Studienergebnis der Statistik Austria 1998 der Fall, dass unter homosexuellen Männern mehr HIV-Neuinfektionen verzeichnet wurden als unter heterosexuellen Kontakten. Im Jahr 2009 wurden unter homosexuellen Männern 6 Neuinfektionen, bei heterosexuellen Kontakten 14, mit HIV diagnostiziert.
Der grunsätzliche und dauerhafte Ausschluss von homosexuellen Männern ist daher in keinster Weise sachlich gerechtfertigt, zumal bei heterosexuellem Risikoverhalten der Ausschluss nur 4 Monate beträgt. Ferner wird aufgrund der genauen Untersuchung des Blutes eine größtmöglicher Schutz und Sicherheit für den/die Blutspendeempfängerin gewährleistet, denn entsprechend der Blutspendeverordnung § 2 Abs. (4) wird
“das entnommene Blut des Spenders zur Prüfung der einwandfreien Beschaffenheit (…) Laboruntersuchungen gemäß § 12″
unterzogen. Gemäß der genannten Blutspendeverordnung § 5 Abs. (1) Punkt u) sind Personen, die dauerhaft ein Risikoverhalten für eine Infektion mit sexuell übetragbaren Krankheiten, insbesondere mit HIV und HBV, aufweisen, von der Blutspende auszuschließen.
Auch für Marco Schreuder (Die Grünen Andersrum, Gemeinderat in Wien) ist das Verbot der Blutspende für homosexuelle Männer eine
klare Diskriminierung und schürt das Vorurteil, das homosexuelle Männer, hart formuliert, nur wild herumvögeln
Rotes Kreuz verteidigt Blutspendeverbot
Im Blog des österreichischen Roten Kreuzes wird zu den Diskriminierungsvorwürfen Stellung genommen und ausgeführt, wieso Männer, die Sex mit Männern haben, von der Blutspende ausgeschlossen werden. Argumentiert wird mit der HIV-Prävalenz als Maßzahl. Diese gibt an, wieviele Personen einer bestimmten Gruppe definierter Größe an einer bestimmten Krankheit erkrankt sind. Hier ist der Wert unter homosexuellen Männern höher, zumal in früheren Jahren deutlich mehr homosexuelle Männer von HIV/Aids betroffen waren.
Diese Prävalenzrate beträgt für HIV in der Österreichischen Gesamtbevölkerung im Jahr 2006 0,0011, das heißt in einer Stichprobe von 1000 Personen war statistisch im Jahr 2006 ziemlich genau eine HIV-infizierte Person zu erwarten. Nimmt man nun die so genannte Prävalenz von Männern, die Sex mit Männern haben (Quelle: http://eurohiv-database.invs.sante.fr/), so liegt diese signifikant über der ersten Zahl. Die verfügbaren Studien, beispielsweise aus der Schweiz 2004[1] zeigen hier eine Prävalenzrate von 0,09; nimmt man beispielsweise alle BlutspenderInnen in Österreich im Jahr 2004 (eurohiv-database), so lag die Prävalenz bei 0,01.
Aufgrund dieses Umstandes wird das Verbot begründet. Es stellt sich jedoch die Frage, ob diese Art der Messung nicht “überholt” ist, da mittlerweile in absoluten Zahlen mehr HIV-Neuinfektionen bei heterosexuellen Kontakten verzeichnet werden und die Gefahr einer Ansteckung mit HIV/Aids in erster Linie von einem möglichen Risikoverhalten abhängt.
ÖVP-Gesundheitsministerin Kdolsky stelle Änderung in Aussicht
Dabei stellte die damalige ÖVP-Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky eine Vereinheitlung des Fragenkatalogs im Jahr 2007 in Aussicht. Im Rahmen des Aids/HIV-Charity Events Life Ball. Allein blieb es bei der Ankündigung. Es ist nichts geschehen. Die Kategorisierung als Risikogruppe, die laut Marco Schreuder “längst nicht mehr dem aktuellen Forschungsstand” entspricht, findet also in Österreich weiter Anwendung.
Damit werden weiter Vorurteile geschürt, wodurch HIV/Aids eine “Schwulenseuche” sei und heterosexuelle Menschen davon (so gut wie) nicht betroffen sind. Dabei sprechen die Neuinfektionszahlen eine andere Sprache. Diese Ansicht teil auch Julian Wiehl, Herausgeber des Onlinemagazins Vangardist. Für ihn wird damit
„ein falsches Zeichen gesetzt und die Infektionsgefahr für heterosexuelle Menschen heruntergespielt.
Gesundheitsminister Stöger: Keine Antworten sind auch Antworten
Nachdem es bei der Kdolsky-Ankündigung geblieben ist, wurde der derzeitige Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) von mir zu diesem Thema kontaktiert, um zu erfahren, ob er an eine Vereinheitlichung bzw. Überarbeitung des Fragebogens denkt bzw. diese anregen würde? Oder ob er die Einschätzung, wonach sexuelle Kontakte unter Männern grundsätzlich als Risikoverhalten eingestuft werden und daher der Ausschluss in seinen Augen gerechtfertigt ist.
Hier die ungekürzte Antwort aus dem Bundesministerium für Gesundheit – konkret von Pressesprecher Fußeis, denn Bundesminister Stöger hat die Anfrage (vor 2 Wochen abgeschickt), wie es scheint, nicht beantwortet oder zumindest zur Bearbeitung weitergeleitet. Erst auf neuerliche Rückfrage beim Pressesprecher des Ministeriums wurde eine kurze Antwort übermittelt:
Uns ist es natürlich ein Anliegen, Diskriminierungen auszuschließen. Ziel der österreichischen Gesundheitspolitik ist es einerseits die höchsten Sicherheitsstandards für Blutprodukte sicherzustellen und andererseits niemanden zu diskriminieren. Die Problematik der Frage nach MSM ist uns natürlich bewusst, wir befinden uns diesbezüglich in Gesprächen mit allen relevanten Stakeholdern.
Sämtliche gestellte Fragen blieben unbeantwortet. So viel also mal grundsätzlich zur BürgerInnennähe der österreichischen PolitikerInnen.
Die Rückmeldung des Pressesprechers lässt jedoch den Schluss zu, dass vom Bundesminister für Gesundheit recht wenig Initiative dahingehend zu erwarten ist, zumal sich der Minister auch in der vor kurzem aufgeflammten Diskussion, dezent geschwiegen hat. Das wurde bedeuten, dass auch weiterhin homosexuelle Männer diskriminiert werden, da das Rote Kreuz, wie zuvor bereits ausgeführt, keine Notwendigkeit zur Abkehr des Blutspendeverbotes für homosexuelle Männer sieht.
Bundesminister Stöger wird Stellung beziehen müssen
Bundesminister Alois Stöger (SPÖ) wird aber dennoch konkret Stellung beziehen müssen – zumindest im Parlament. Denn per 30.06.2010 wurde von Albert Steinhauser und weiteren Grünen Abgeordneten zum Nationalrat eine Anfrage mit einem umfangreichen Fragenkatalog (PDF, 105 KB) an den Gesundheitsminister übermittelt. Bislang wurde diese laut Homepage des Parlaments noch nicht beantwortet. In dieser Anfrage ist auch ausgeführt, wieso es sachlich keine Rechtfertigung gibt, homosexuelle Männer von vornherein von der Blutspende auszuschließen.
In der Anfrage stellen die Grünen nach Darlegung der Fakten abschließend fest:
Die Vorgehensweise der Blutspende-Organisationen gegenüber schwulen Männern stellt eine eindeutige Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung dar, zumal die Statistiken zu HIV/Aids Ansteckungen zeigen, dass über 40 % aller Neuinfektionen mit der Immunschwächekrankheit HIV/Aids auf heterosexuelle zurückzuführen sind und nur ca. 20 % auf homosexuelle Kontakte.
Bleibt abzuwarten, ob sich die vorhin getätigte Einschätzung bestätigt, oder ob der SPÖ-Minister sich dafür einsetzen wird, die Diskriminierung von homosexuellen Männern bei der Blutspende, wie es Kdolsky (ÖVP) bereits vor Jahren angedeutet hatte, zu beenden.
(Bild: Flickr – DRK Schwanheim – CC-BY-NC-ND-2.0)













Hab das auch nie verstanden…beim Plasmaspenden mußte ich auch ausfüllen, ob ich gleichgeschlechtlichen Verkehr pflege – ich habe dann die Ärztin gefragt, inwiefern das relevant sei. Sie sagte dann, ich soll es ausfüllen, aber bei mir als Frau sei es kein Problem, “aber die schwulen halt, da geht es einfach nicht”. Dh sogar die Ärztin, die es besser wissen müßte, wovon sich nun wirklich ein Risikoverhalten ableiten läßt (davon abgesehen, wird sowieso alles doppel und dreifach getestet, bevor es verwendet wird), hat also Vorurteile gegenüber Schwulen. Fand ich schade, da sie ansonsten sehr nett und offen war.
Einfach nur dumm, wenn Blutkonserven Mangelware sind…
Alle Jahre wieder die gleiche Diskussion. Nein, das ist nicht überholt. Du verstehst immer noch nicht das Konzept der relativen Häufigkeit. Laut der obigen Angabe aus der Schweiz sind 9% aller Schwulen HIV-positiv, also fast jeder Zehnte. So eine Blutspende ist russisches Roulette.
Ich halte es für fahrlässig, dass du als Schwulenvertreter fälschlicherweise behauptest, dass Schwule keine Risikogruppe wären. Du bringst damit deine Orientierungsgenossen in Gefahr, die deshalb HIV auf die leichte Schulter nehmen könnten.
Ich verstehe sehr wohl den Unterschied zwischen absoluter und relativer Häufigkeit, aber halte es für grundlegend falsch, dies als einzige Basis heranzuziehen, da eine mögliche Ansteckung mit HIV/Aids einzig von einem möglichen Risikoverhalten abhängt.
Weiters ist die Medizin dermaßen fortgeschritten, dass das diagnostische Fenster zwischen Ansteckung und Nachweis nur mehr ca 20 Stunden beträgt. In Anbetracht dieses kleinen diagnostischen Fensters müssten die gleichen Ausschließungskriterien für homosexuelle Männer wie für heterosexuelle Personen. Eine generelle Ausschließung ist daher in meinen Augen ein klarer Fall von Diskriminierung, die sachlich nicht gerechtfertigt ist.
Fahrlässigkeit kann diesen Zeilen in keinster Weise unterstellt werden. Vielmehr entkräften sie Vorurteile, dass HIV/Aids in erster Linie homosexuelle Männer betrifft. Mittlerweile erfolgen 40 % aller Neuinfektionen mit HIV/Aids bei heterosexuellen Kontakten. Um deine Wortwahl zu verwenden: Es ist fahrlässig, die HIV/Aids-Problematik in erster Linie einer einzelnen Bevölkerungsgruppe zuzuschreiben. Und die Neuinfektionszahlen geben mir recht.
Diese Diskriminierung ist sachlich sehr wohl gerechtfertigt. Wenn man Schwule ausschließt hat man schon mal einen Großteil der HIV-positiven Spenden eliminiert und damit den Fehler enorm reduziert.
Nach dieser Logik wären Prostituierte und Fixer auch keine Risikogruppen.
Der Mythos, dass HIV ausschließlich Homosexuelle betrifft, ist seit den späten 80ern entkräftet und darauf wird in den AIDS-Kampagnen seither ständig hingewiesen. Jeder weiß das.
Dass aber in erster Linie Fixer und Schwule betroffen sind, ist kein Mythos, sondern offensichtlich zutreffend. Und das zu verschleiern, nur um Stigmatisierungen abzublocken, ist eben fahrlässig.
Nochmal:
Das diagnostische Fenster beträgt nur mehr 20 Stunden zw. Ansteckung und Nachweis einer Erkrankung. 40 % aller Neuinfektionen erfolgen bei heterosexuellen Kontakten. Wenn also jemand ein Risikoverhalten aufgewiesen hat, dann wird er/sie ohnehin nicht zugelassen und für einige Wochen von der Blutspende gesperrt. Exakt diese Vorgehensweise müsste auch für Schwule gleichermaßen gelten.
Die derzeitige Regelung ist nunmal eine Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und mit einer Stigmatisierung behaftet. Es gibt noch immer (bzw. wieder) großes Unwissen über HIV/Aids und vielfach wird die Möglichkeit einer Erkrankung ausschließlich Schwulen und Drogenabhängigen zugeschrieben.
Dieses Vorurteil hast du selbst bestätigt, dabei stimmt es längst nicht mehr.
Überschlagsmäßig ergibt sich bei einer eintägigen Nachweisbarkeitsdauer und einer 66% Blutspenderquote in Österreich alleine durch die 145 jährlichen Neuinfektionen von Homosexuellen alle 3,75 Jahre eine HIV-verseuchte Spende. (nicht erkannte Altinfektionen nicht eingerechnet)
Eine Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ist nicht a-priori unethisch. Hier ist sie vernünftig und legitim.
Stigmatisierungen sind Teil des Lebens und können niemals gänzlich vermieden werden. Österreicher werden auch auf alle Ewigkeiten als Nazis verunglimpft werden. So ist das Leben.
Die Aufklärung Homosexueller darüber, dass sie ein außerordendliches Risiko haben, sich AIDS einzufangen, ist ja wohl hundert mal wichtiger als die Ausrottung jedes Stigmas unterhalb die Wahrnehmungsgrenze.
Das saugst du dir aus den Fingern. Zeige mir bitte auch nur eine Umfrage, bei der ein Teil der Befragten eine Infektion durch heterosexuelle Kontakte ausschließt. (außerhalb Saudi-Arabiens)
10% aller Schwulen sind infiziert. In der Gesamtbevölkerung, (inkl. Schwulen) sind es nur 0,01%. Also sind in erster Linie, neben anderen Risikogruppen, Schwule betroffen.
Was ist, wenn ein Jugendlicher Homosexueller deine Beiträge liest und sein persönliches Infektionsrisiko unterschätzt? Hast du dir das schon einmal überlegt? Oder hältst du das im totalen Krieg gegen die Homophobie für vernachlässigbar?
[quote]10% aller Schwulen sind infiziert. In der Gesamtbevölkerung, (inkl. Schwulen) sind es nur 0,01%. Also sind in erster Linie, neben anderen Risikogruppen, Schwule betroffen.[/quote]
Statistisch gesehen hast du absolut Recht, aber stell dir diese Frage: Stellt ein Schwuler gesund in der monogamen Beziehung lebend wieder ein größeres Risiko als eine heterosexuelle Beziehung dar? Wenn jemand wechselnde Sexualpartner hat, kann ichs ja nachvollziehen, dass man aus der Spende ausgeschlossen wird. Aber das alle in einem Topf geworfen werden ist Diskriminierung, sorry.
Dieter:
Wenn man das diagnostische Fenster mit ca 20. Stunden annimmt, dann ergibt sich ca ein Restrisiko von 1:7.000.000. Das würde bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit besteht, dass es in 14 Jahren nur 1 Infektion mit HIV durch eine Transfusion geben würde.
Wie auchs chon Godric geschrieben hat. In erster Linie hängt das Risiko von einem Risikoverhalten ab und nicht von der sexuellen Orientierung.