Eine Replik an Marco Schreuder. Der Sprecher der Grünen Andersrum und Grüner Gemeinderat stellt im Blog die erste von noch zahlreichen Thesen zur Diskussion. Auf die erste These “Regenbogenparaden sind gut für die Szene. Die Botschaft kann aber gegen uns verwendet werden.” möchte ich hier antworten. Ich möchte aus meiner subjektiven Sicht den Sinn der weltweiten CSDs – insbesondere jedoch der Regenbogenparade in Wien darlegen. Einige Punkte werden sich mit Marcos Sichtweise decken, manche dagegen dieser entgegenstehen.
Marco erklärt zu Beginn seines Artikels den (ursprünglichen) Sinn der weltweit stattfinden Christopher-Street-Day-Paraden. Ursprünglich ging es – für viele bekannt – um den Aufständen in New York im Jahr 1969, wo sich Homosexuelle erstmals gegen polizeiliche Repressionen zur Wehr setzten.
Doch wird diesem Gedenken und dem Sinn der CSD-Paraden überhaupt noch Rechnung getragen?
Auf meinem Blog gibt es eine Terminübersicht von über 60 Christopher-Street-Day-Paraden. Ein Blick auf die jeweiligen Webseiten der Veranstalter zeigt ein deutliches Bild. Bei der überwiegenen Mehrzahl der Paraden geht es in erster Linie um ein Happening, eine Party im Rahmen des CSD. Manche CSDs knüpfen die Kundgebung mit Kulturwochen und anderen gesellschaftspolitischen Veranstaltungen. Doch vielfach geht es nur um eines: Party und Spaß
Diese Tatsache möchte ich gar nicht werten und/oder ablehnen. Wie auch Marco richtig schreibt, sind CSDs einige der wenigen Momente im Jahr, wo (große Teile der) die Community zusammen kommt und gemeinsam für etwas demonstriert bzw. eigentlich mit einer Party diese Zusammenkunft feiert.
Ein Blick auf die Fotos (2009, 2008, 2007) der verschiedenen Paraden bestätigt den Eindruck und macht eines deutlich, politische Messages sind mittlerweile sehr selten auf CSDs zu sehen.
Ist der CSD eigentlich noch eine Demonstration?
Hier setzt dann doch die Kritik an. In der Wahrnehmung der Medien bzw. in der transportierten Message wird von einer Kundgebung, einer Demonstration von Lesben, Schwulen und Transgender für Gleichstellung, für gleiche Rechte, für Toleranz und Akzeptanz gesprochen. Doch im Kampf um Aufmerksamkeit in der Medienvielfalt stürzen sich die ReporterInnen und FotografInnen in erster Linie auf jene Personen, die von der Normativität, von der Angepasstheit ausbrechen. Hier entsteht dann der Eindruck, dass homosexuelle Menschen doch ohnehin nur eine ausgeflippte Minderheit sind.
In der Berichterstattung geht meistens der eigentliche Sinn unter. Der Sinn der Demonstration. Zu unrecht. Als regelmäßiger Regenbogenparaden-Teilnehmer kann ich bestätigen, dass durchaus noch viele gesellschaftspolitische Forderungen transportiert werden – nur nimmt’s fast niemand mehr wahr.
Auch ein Blick auf die Teilnehmer_innen rund um die einzelnen Wagen bestätigt diesen Eindruck. Bei den sogenannten Partywagen ist im Normalfall das meiste Publikum anzutreffen. Manche “leiste” Gruppen mit konkreten Forderungen gehen hier fast unter.
Letztlich muss festgestellt werden, dass die alljährlichen CSDs keine Demonstration im eigentlich Sinn mehr sind. Sie sind – wie bereits festgestellt – ein Happening um eine große Party mit zehntausend anderen Menschen zu feiern. Diese Tatsache ist aber nicht zwangsläufig schlecht. Viel mehr sind diese Paraden auch ein wichtiges gesellschaftspolitisches Zeichen. Ein Zeichen von Vielfalt, von Diversität. Eine politische Demonstration sind Regenbogenparaden und Co jedenfalls nicht mehr.
CSD-Paraden in einer Identitätskrise?
Da stellt sich zwangsläufig die Frage, ob die Paraden nicht in einer Identitätskrise stecken. Die Frage möge fordergründung berechtigt erscheinen und Fragen aufwerfen. Was wollen Lesben, Schwule, Transgender, politische Parteien und NGOs eigentlich mit dieser Parade bezwecken?
Vordergründig ging es ursprünglich um eine politische Demonstration für Akzeptanz, Toleranz und für die rechtliche Gleichstellung von Lebensformen, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen. Dieser ursprüngliche Sinn ist nicht mehr gegeben. Die CSDs haben sich zu einer Party gewandelt. Einer Party ohne Message?
Nein. CSD-Paraden sind noch immer ein wichtiges gesellschaftspolitisches Zeichen, dass die Welt viel bunter ist, als es oftmals den Anschein hat. CSD-Paraden bieten Lesben, Schwulen und Transgender einmal im Jahr die unzgewungene Möglichkeit, ihre Vielfalt auszuleben. Ihre wahres Ich in einer Form auszuleben, ohne davon sofort von einer breiten Masse geächtet zu werden.
Für einige Bevölkerungsschichten möge dieses Erscheinen befremdlich wirken und teilweise Ablehnung hervorrufen. Diese Reaktionen sind zu akzeptieren und zwangsläufig auch nicht zu vermeiden, doch können diese durchaus hingenommen werden. Marco stellt hier die Frage, ob die Mehrheitsgesellschaft diese Vielfalt und die “codierte Sprache von Lesben, Schwulen und Transgender” überhaupt versteht. Die Antwort wurde soeben gegeben, dass es durchaus Codes gibt, die nicht erkannt werden.
Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft?
Es wäre jedoch in meinen Augen grundsätzlich falsch, sich der Mehrheitsgesellschaft anzupassen. Fast jeden Tag im Jahr leben “wir” in einer angepassten Rolle. Einer angepassten Rolle, um möglichst wenig Aufmerksamkeit oder Ablehnung zu erfahren.
Es ist jedoch kein Phänomen der lesBiSchwulen, transidenten Community in einer “eigenen Sprache” zu sprechen. Sogenannte Codes verwenden auch viele andere Gesellschaftsschichten, die oftmals nur von diesen verstanden und richtig gedeutet werden können. Mensch denke beispielsweise an Babys. Babys entwickeln ebenfalls oftmals eine eigene Sprache, die Erwachsene nicht verstehen können. Wird das Baby dadurch geächtet? Viel mehr lernt der/die Erwachsene schrittweise diese Sprache zu versthen.
Im gleichen Umfang wird auch schrittweise die Mehrheitsgesellschaft diese Sprache verstehen und richtig deuten lernen. Darüberhinaus geht es auch nicht darum, dass alle die Bedürfnisse und Forderungen verstehen. Diese Hoffnung bzw. Forderung wäre utopisch.
Der Aufklärungsprozess ist mehr als und langwierig. Doch wenn rückblickend ein Resümee gezogen wird, zeigt sich, dass innerhalb der letzten 40 Jahre vieles in den meisten westlichen Staaten erreicht wurde. Der Prozess ist noch immer nicht abgeschlossen und wird uns alle noch viele Jahr(zehnt)e beschäftigen. Möglich zwar, dass die rechtliche Gleichstellung eher erreicht wird, als die gesellschaftliche Anerkennung. Möglich aber auch, dass es genau anders rum ist. Diese Entwicklung kann zum derzeitigen Zeitpunkt nicht abgesehen werden.
Ich glaube auch nicht, dass diese öffentliche Darstellung von Diversität und “anders sein” der Grund dafür ist, dass Lesben und Schwule mit einem eigenen Rechtsinstitut “gleichgestellt” wurden. Viel mehr ist dies für mich darin zu begründen, dass in dieser Belange die Mehrheit der politischen Parteien der gesellschaftlichen Bereitschaft hinterher hinkt. Daher ist auch – wie bereits in der Vergangenheit – die HOSI Wien massiv zu kritisieren, die beispielsweise eine durchgeführte Kundgebung kritisierte, welche für eine völlige Gleichstellung eintrat. Diese (unverständliche) Haltung der HOSI Wien auf den Sinn und die Art der von ihr organisierten Regenbogenparade umzulegen, greift zu kurz.
Der Sinn der Regenbogenparade ändern?
Marco stellt die Frage auf, ob der Sinn der Regenbogenparade nicht in Frage gestellt werden müsste, bzw darüber zu diskutieren ist, was der CSD Wien überhaupt sein soll.
Wie zuvor ausgeführt, hat sich der Sinn der CSDs grundlegen geändert. Mittlerweile steht nicht mehr die Demonstration im Vordergrund, sondern in erster Linie die Party. Dies muss nicht zwangsläufig falsch sein. Die Regenbogenparade ist (mittlerweile) nicht mehr der passende Rahmen um konkrete Forderungen zu stellen. Diese würden erstens kaum wahrgenommen und zweitens auch unglaubwürdig transportiert werden.
Hier müssen neben der HOSI Wien auch die Grünen Andersrum angesprochen werden. Die Grünen Andersrum sind jährlich mit einem eigenen großen Truck auf der Regenbogenparade vertreten, wo es in erster Linie darum geht, “eine gute Zeit zu haben”. Zwar werden auch Ballons und Flyer zu Grünen Forderungen verteilt, doch dies geht meistens unter. In erster Linie geht es um Party und Spaß. Aus diesem Grund hat sich Marco die Frage “nach dem Sinn” der Parade quasi selbst beantwortet.
Neue Wege sind gefragt
Nachdem die CSD-Paraden nicht mehr wirklich den richtigen Rahmen für konkrete politische Forderungen darstellen, sind andere Wege gefragt. Zwar ist Österreich nur ein kleines Land, doch es gibt unzähliche lesBiSchwule, transidente NGOs und Interessensvertretungen. Diese Vielfalt an Organisationen kann subjektiv jedoch teilweise nicht miteinander. JedeR kocht sein Süppchen für sich. In der öffentlichen Wahrnehmung der überregionalen Medien wird häufig einzig die HOSI Wien zitiert und daher als “die” homosexuellen Interessensvertretung angesehen. Diesen Anspruch hat die HOSI Wien jedoch gar nicht.
Deutlich wurde dies im vergangenen Jahr bei der Diskussion um die Eingetragene Partnerschaft. Viele Medien beriefen sich auf die HOSI Wien und transportierten die Meinung der HOSI Wien als die Meinung der Community. Dass dies in keinster Weise richtig war, zeigte die Tatsache, dass fast die gesamte Community zu einer Kundgebung gegen das (möglicherweise) gleichheitswiderige Partnerschaftsgesetz demonstrierten. Fast alle lesBiSchwulen NGOs kritisierten diese Ungleichstellung, nur die HOSI Wien war relativ glücklich.
Um wirklich weitere Gleichstellungsschritte zu erfahren, um in der öffentlichen Wahrnehmung mit einer Stimme zu sprechen, ist es mehr als nur notwendig, dass die einzelnen NGOs ihre Differenzen ausräumen. Und das besser gestern als heute. Solange alle ihr eigenes Süppchen kochen, ist die gesellschaftspolitische Macht geschwächt. Einzig am CSD versammelt sich die gesamte Community, jedoch als großes Partyvolk…













Danke für den wichtigen Input. Ich nehme das auf, wenn ich neue oder doch alte Wege skizzieren werde. ;)
Hast du echt gut zusammengefaßt, finde ich. Ich habe auch ein gespaltenes Verhältnis zur Regenbogenparade. Einerseits ist es eine wirklich schöne Party – gut, das Besaufen am helllichten Tag finde ich blöd, was ich daran gut finde, ist die Buntheit, die Vielfalt, die überbordende gute Laune und daß “wir” ausnahmsweise mal die Mehrheit darstellen. Und daß viele Heteros, die sich das ansehen, uns auch gut zusprechen. Andererseits würde ich mir auch mehr politisches wünschen. Wie du sagtest, es GIBT sowas, aber es geht meist unter. Und wahrscheinlich läßt sich das nicht so recht vereinen, Party UND politische Demonstration, weil die ganze Sache doch jedes Jahr wieder viel zu schnell vorbei geht. Ich kann immer gar nicht so schnell schauen, wie die Parade schon wieder zuende ist. Und da die Medien sich sowieso immer nur auf die extremsten stürzen (ich habe nix gegen die “Verrückten”, im Gegenteil, ich finde sie total cool, aber ich wünschte, man würde ein diverseres Bild von uns allen zeichnen und v.a. auch mal die Leute mit politischen Messages beachten), würde ein Mehr an politischer Aktion auf der Parade wohl dennoch kein Mehr an Beachtung finden, was aber nötig wäre, um etwas zu erreichen. Ich stimme dir also zu: Die Parade lassen, wie sie ist, und abseits aber vermeht und v.a. zusammen politisch arbeiten. Und vielleicht kapieren dann auch mal die Medien, daß “wir” nicht gleichzusetzen sind mit der HOSI Wien. Immerhin kam bei der ganzen Diskussion ums EPG auch Helmut Graupner zu Wort, der zumindest meine Ansichten (Punkt 1: völlige Gleichstellung) weit eher vertritt.
An die Grünen als die Partei, der ich noch am ehesten zusprechen kann, würde ich appellieren, zusammen mit den NGOs beispielsweise öftermal kleinere Demos und andere Veranstaltungen zu organisieren. Und zwar nicht immer nur alles in Wien. Auch wir Leute in den Bundesländern wollen was tun, aber wenn beispielsweise ich in Wels zu einer Demo aufrufe (ich habs versucht, als es ums EPG ging), wird das ja nix, weil mich keiner kennt und ich nicht die nötigen Kontakte habe…also, ihr Grünen, macht was ;o) In Linz zB sollte das ja kein Problem sein, ich habe den Eindruck, daß es da in der Gegend wirklich genügend engagierte Leute gibt.
(auch bei Marco gepostet:)
Ich sehe den Sinn der Parade in erster Linie als das Zeigen von Pride, von Stolz und ich mit sehr vielen Menschen die sich “anders” fühlen öffentlich auf die Straße statt in einschlägigen Lokalen oder Internetforen zu treffen. Diese Bestätigung, nicht alleine als “anders-seiende” zu sein, dieses “anders-sein” zu feiern und zu teilen, das stellt meiner Meinung nach für die Community den Zweck dar.
Was der Rest der Gesellschaft davon hält, wird sich mit so einer Zurschaustellung nicht schnell ändern.
Ich weiß gar nicht, ob es vor der Parade eine Pressekonferenz gibt, wo ALLE Teilnehmende Organisationen zu Wort kommen können. Eine Botschaft von Toleranz, von der Freiheit so zu leben wie man möchte, wie man sich fühlt und wie man ist, wird aber um so wichtiger in Zeiten wo jemand wie Rosenkranz sich für das Amt des Bundespräsidenten bewerben kann.
Wie die Führung der HOSI-Wien mit Menschen die nicht komplett ihrer Meinung bezüglich der EP waren umgegangen ist, war, für eine Organisation die über Jahre sehr gute Arbeit für unsere Interessen geleistet hat, entsetzlich und beschämend.
Die berechtigte Frage wäre denn auch, wie andere Organisationen in der Community bessere Pressearbeit leisten könnten. Während der Parade werden sich die Fotografen weiterhin auf den Nackerten und schrägen Vögel stürzen. Sollen sie nur. Gleichzeitig sollten wir an die Medien appellieren die GANZE Vielfalt zu zeigen. Serien im ORF wo eine homosexuelle Figur vorkommt, ohne dass ihre Orientierung das Thema ist, sondern Normalität, wären hilfreich.
Aber auch jede(r) einzelne kann im täglichen Leben dazu beitragen dass wir sichtbarer werden. Deine Liebe öffentlich zu zeigen, auf der Straße Händchen zu halten, oder mal einen Kuss zum Abschied bei der täglichen U-Bahnfahrt in die Arbeit zu geben. Wie Marco schon schrieb: die täglichen persönlichen Parädchen bringen mehr für die Sichtbarkeit. Es ist just diese Sichtbarkeit die zur Verringerung der Berührungsängste führt. Es gibt so viele Menschen die behaupten, keine Schwulen und Lesben zu kennen. Das ist die Herausforderung: Mut zu haben, Mensch zu sein und so zu leben wie man ist. Die Parade ist für unsere eigene Bestätigung wichtig, um das Gefühl von Gemeinschaft, Community, nach Hause, in das tägliche Leben mitzunehmen und irgendwann offen zu seiner Identität stehen zu können.