21. Regenbogenparade: 130.000 und eine Kernaussage

Rund 130.000 Menschen zogen am Samstag über den Ring und die Zweierlinie, um im Rahmen der Regenbogenparade ihre Solidarität mit den Opfern von Orlando zu zeigen und gleiche Rechte für LGBTs einzufordern. Erstmals war auch ein amtierender Bundeskanzler dabei – Christian Kern bekundete auf der Abschlussveranstaltung seine Solidarität und forderte ebenfalls mehr Rechte, aber keine Ehe.

Zum bereits 21. Mal zog die Regenbogenparade durch die Straßen Wiens, um für gleiche Rechte für LGBTs, die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und ein Zeichen für Vielfalt, Weltoffenheit und Akzeptanz zu setzen.

130.000 fordern Akzeptanz und gleiche Rechte für LGBT

Traditionell wurde die Regenbogenparade von den „Dykos on Bikes“ eröffnet, die – unterstützt von Männern – den Paradenzug anführten. Bei schönem Frühsommerwetter folgten laut Veranstalterin „HOSI Wien“ 130.000 Personen dem Aufruf, um im Rahmen des Wiener CSDs für die überfällige Gleichstellung von LGBTs zu demonstrieren und ihre Solidarität mit den Opfern vom Hassverbrechen in Orlando zu zeigen.

Damit war die Regenbogenparade 2016 trotz Sorgen vor möglichen Terrorattacken eine der besucherInnenstärksten Paraden der Geschichte und ein schönes Zeichen, dass Liebe stärker als Hass ist.

Trotz ausgelassener Stimmung war die Orlando-Attacke omnipräsent, wie auch HOSI-Vorstand und Organisator der Regenbogenparade Christian Högl betonte:

„Die Parade ist ja eigentlich ein freudiges Fest, aber durch die Ereignisse in Orlando liegt natürlich ein gewisser Schatten darüber.“

SPÖ, Grüne und NEOS auf Regenbogenparade

Wie schon in den vergangenen Jahren transportierten auch heuer – neben den zahlreichen angemeldeten Gruppen – zahlreiche TeilnehmerInnen auf Transparenten oder Bodypaintings ihre gesellschaftspolitischen Forderungen, wie gleiche Rechte, weltweite Menschen- und LGBT-Rechte und den Schutz von LGBT-Flüchtlichen.

Zahlreiche Forderungen waren im Speziellen an die Regierungspartei ÖVP gerichtet, die seit Jahren „erfolgreich“ ein Ankommen Österreichs im 21. Jahrhundert verhindert und für die Diskriminierung von LGBTs in Österreich verantwortlich zeichnet.

Von den Parlamentsparteien selbst waren die SPÖ, Die Grünen und Neos vertreten – alle forderten unisono gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare.

Nachdem die Regenbogenparade den Großteil der Ringstraße und auf Höhe der Mariahilfer Straße auf die Zweierlinie hinter das Parlament und das Rathaus wechselte, was durch das EM-Public Viewing am Rathausplatz notwendig wurde, fand vor der Votivkirche im Regenbogendorf, die Abschlussveranstaltung statt.

Coming-Out bei Abschlussveranstaltung

Bei der Abschlussveranstaltung hatte der designierte Präsident des Bundesrats Mario Lindner (SPÖ), der in wenigen Wochen die Angelobung des designierten Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen (Die Grünen) vornehmen wird (vorbehaltlich der Anfechtung vor dem VfGH), sein offizielles Coming-Out:

„Ich werde in einigen Tagen zum Präsident des Bundesrats ernannt, ich werde in dieser Funktion den neuen Bundespräsidenten angeloben und ich bin schwul. (…) Heute sollte kein Mann und keine Frau Angst vor Diskriminierung und Mobbing haben müssen.“

Eingebettet in ein Rahmenprogramm der mehrstündigen Abschlussveranstaltung im Regenbogendorf vor der Votivkirche richteten auch zahlreiche Politikerinnen von SPÖ, Die Grünen und NEOS Worte an die KundgebungsteilnehmerInnen.

Diese forderten dabei gleiche Rechte für LGBTs, darunter die Grüne-Vizebürgermeisterin von Wien, Maria Vassilakou, Markus Rumelhart (SPÖ-Bezirksvorsteher von Wien Mariahilf), NEOS-Chef Matthias Strotz, Beamte Meinl-Reisinger (NEOS-Wien-Vorsitzende) und der Grüne-Landestagsabgeordnete  und Sprecher der Grünen Andersrum, Peter Kraus.

Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Die Grünen) beispielsweise sagte auf der Abschlussveranstaltung:

„Ich weiß, dass sich viele nicht leicht getan haben, heute mitzugehen. Das Attentat in Orlando hat die Community ins Herz getroffen. Es hat sie verletzt, aber es hat sie nicht aufgehalten.“

Kernaussage auf Abschlussveranstaltung

Auf der Abschlussveranstaltung nahm erstmals ein amtierender Bundeskanzler teil. Christian Kern forderte in seiner Rede Vielfalt und Toleranz ein und beschwörte in seiner Rede die Vielfalt und Einheit der LGBT-Community.

In seiner Rede erklärte Kern auch – angelehnt an die Worte des kanadischen Premierministers Justin Trudeau:

„Ja, ich bin der Bundeskanzler und ich bin auf der Regenbogenparade. Ja und? Mein Gott, es ist 2016!“

Ebenfalls thematisierte Christian Kern den Anschlag in Orlando und bedankte sich bei den über 100.000 TeilnehmeInnen, dass sie ein Zeichen der Offenheit, Toleranz und Akzeptanz gesetzt haben.

Kern erklärte schließlich, dass

„alle Menschen gleiche an Rechten sind und dass der Respekt vor der Menschenwürde unteilbar bleiben muss“.

Im weiteren sagte Kern, dass es für ihn „beschämend“ ist, dass es in Österreich noch immer keine gleichen Rechte für gleichgeschlechtliche PartnerInnenschaften gibt. Kern verwies in seiner Rede darauf, dass es im Parlament leider keine Mehrheit dafür gibt.

Der SPÖ-Bundeskanzler kritisierte damit eindeutig den Koalitionspartner ÖVP, die maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass Österreich noch immer nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist.

Dennoch jedoch vermied Kanzler Kern klar und deutlich Farbe zu bekennen und zu sagen „Ja, ich will die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare“ öffnen. Ob seine Aussage dies implizierten oder ob er aus Koalitionsräson dies nicht sagte, bleibt unklar.

Schade… Dennoch ist der Auftritt von Christian Kern historisch und von großer Bedeutung.

Taten statt „Kernaussagen“

Es ist sehr erfreulich, dass erstmals ein amtierender Bundeskanzler an der größten Demonstration von LGBTs und deren UnterstützerInnen Österreichs teilgenommen hat und so ein klares gesellschaftspolitisches Signal aussendet.

Doch den Signalen und Worten müssen nun endlich Taten folgen. Die SPÖ ist seit Jahren in Regierungsverantwortung, doch gemeinsam mit der ÖVP dafür verantwortlich, dass es keinen vollumfassenden Diskriminierungsschutz für LGBTs gibt, das Standesamt trotz einer 2014 erfolgten Zusage, noch immer nicht geöffnet ist, die Eingetragene Partnerschaft in mindestens 33 Punkten Ungleichheiten zur zivilrechtliche Ehe aufweist und die Ehe noch immer nicht geöffnet ist.

Christian Kern wird letztlich an seinen Taten gemessen werden und nicht an schönen Worten, die er auf der Regenbogenparade verkündet. Bis zur planmäßigen nächsten Nationalratswahl hat die SPÖ und Kern noch rund 2 Jahre Zeit, LGBTs zu überzeugen, dass seine Worte nicht bloß Worte waren. Taten wären eine echte Kernaussage.

Gegendemo zur Regenbogenparade

Die Regenbogenparade war jedoch nicht die einzige Demonstration am Samstag in Wien. Bereit vor der Regenbogenparade zogen Gläubige unter dem Titel „Marsch für Jesus“ über den Ring und proklamierten eine Hinwendung zum Glauben. Diese Kundgebung wurde beispielsweise vom ÖVP-Außenminister Sebastian Kurz unterstützt, der auch am Heldenplatz eine Rede an die 10.000 – 18.000 Teilnehmer richtete.

Gezielt gegen die Regenbogenparade gerichtet war schließlich der „Marsch für die Familie“. Die FundamentalchristInnen demonstrierten gegen „gesellschaftspolitische Irrwege“ und forderten die Unterstützung der „klassischen Form der Familie“.

Diese Gegendemonstration, an der lediglich nur wenig hundert Personen teilnahmen, wurde unterstützt vom Verein „Pro Vita“ und vom ehemaligen PEGIDA-Sprecher Georg Immanuel Nagel unterstützt, wie „wien.ORF.at“ berichtet.

Reden wurden unter anderem von der FPÖ-Stadträtin Ursula Stenzel, sowie dem ehemaligen ÖVP-Nationalratsabgeordneten Marcus Franz gehalten.

Franz, der schon der Vergangenheit mit homophoben Aussagen aufgefallen ist warnte in seiner Rede:

„Die Familie ist gefährdet, ein Wegwerfprodukt zu werden.“

Laut ihm müsse die Ehe zwischen Mann und Frau geschützt werden. Auch kritisierte Franz die Novelle des Fortpflanzungsgesetzes, so „derStandard.at“.

Zur Gegendemo zur Regenbogenparade gab es ebenfalls eine Gegendemo, mit wenigen hundert TeilnehmerInnen, um gegen die Forderung nach Diskriminierung von LGBTs und deren Homophobie zu protestieren.

Nachdem die Abhaltung der Gegendemo von diesen mit Rufen gestört wurde, schritt die Polizei ein und verwies diese des Platzes. Von 20 Personen der Gegendemo zur Gegendemo wurden von der Polizei die Identitäten festgestellt.

(Alle Fotos: © thinkoutsideyourbox.net)
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5 Kommentare

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  1. [BLOCKED BY STBV] Ehe Gleich!-Initiative im Parlament: Wird ÖVP auf richtiger Seite der Geschichte stehen? | thinkoutsideyourbox.net 30 Juni, 2016 at 17:24

    […] Während Grüne und NEOS schon mehrfach in der laufenden Legislaturperiode für die Ehe-Öffnung votierten, hat die SPÖ bislang aus Koalitionsgründen mit der Blockadepolitik der ÖVP mitgestimmt, obwohl die Sozialdemokratie immer betont, für gleiche Rechte für alle einzutreten, wie dies auch der neue Bundeskanzler Christian Kern bei der Abschlussveranstaltung der Regenbogenparade betonte (thinkoutsideyourbox.net berichtete). […]

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